Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

meister Christoph Bock aus Großgoltern bei Han 
nover als Betriebsleiter angenommen und Maschinist 
Johannes Hildebrandt aus Kehrenbach eingesetzt, 
während der im Korkschrotwerk beschäftigte Hilss- 
maschinist Theod. Etzel zur Unterstützung da war, 
auch war vorher Schlosser Fritz Ellenberger von 
hier zeitweilig als Maschinist tätig. Der Strom 
preis wurde festgesetzt für Kraft ä 20 Pfg., für 
Licht ä 40 Pfg. je Kilowattstunde. Nach und nach 
vermehrten sich die Anschlüsse, als die Stadt 
bewohner die Annehmlichkeit und Sauberkeit mehr 
und mehr erkannten. Die Nachteile des Petro 
leums fielen fort, tägliches Lampenputzen erübrigte 
sich, rusende und springende Cylinder gab es nicht 
mehr und es roch und schmeckte nicht alles nach 
Steinöl (Tassen, Töpfe, Handtücher, Brot usw.). 
Das Einholen von Steinöl, Dochten, und Zylindern 
war nicht mehr nötig. So bewährte sich die Elek 
trizitätsanlage in den ersten Jahren, denn als am 
5. Februar 1909 ein ganz fabelhaftes Fulda-Hoch 
wasser eintrat, das so überraschend kam, daß die 
zum Geburtstag meiner Frau Marie geb. Gleim 
gekommenen Gäste trockenen Fußes aus der Stadt 
am linken Ufer zu uns herauf in die Franz Gleim- 
straße am Lindenberg kamen und bald nachher auf 
einem Rollwagen über die alte Brücke durch das 
Fuldawaffer der Brückenstraße zurückgefahren wer 
den mußten, da konnte die Elektrizitätsversorgung 
der Stadt durch die Referveanlage bei Gebrüder 
Gleim ungehindert fortgesetzt werden, obgleich die 
Fuldaturbinen durch den hohen Stau versagten, weil 
das Hochwasser von 1909 dem höchsten Stand aus 
dem vorigen Jahrhundert in 1841 sehr nahe kam. 
So habe ich vorgreifend im Interesse des Zu 
sammenhangs die Entstehung des städtischen Elek 
trizitätswerkes dargestellt. 
Als ich am 21. April 1906 das Amt antrat, 
fand ich neben zahlreichen alten Freunden und 
Bekannten auch manche neue Bewohner vor. Auf 
der Lindenlust lernte ich den seit Oktober 1905 beim 
hiesigen Kgl. Amtsgericht beschäftigten Gerichts 
referendar Bolckmar kennen, der aus Frankenhaufen 
in der fchwarzburg-rudolstädtischen Unterherrschaft 
am Kyffhäuser, wo sein Vater als Postdirektor 
wirkte, gebürtig, und ein Enkel des bei den alten 
kurhessischen Lehrern wohlbekannten einstigen Mu 
sikoberlehrers Bolckmar am Lehrerseminar in Hom 
berg an der Efze war. Er war damals ein fröhlicher 
Bursch, sicher ein flotter Studio, voller Humor, 
Lebensfreude und ein ausgezeichneter Gesellschafter. 
Nach weiterer Tätigkeit in Wanfried und Kassel 
war er auch zu einer weiteren Dienstperiode in 
der Zeit von 1908/09 hier, später als Gerichts 
assessor in Ziegenhain, vertrat dann die Kgl. Amts 
gerichte in Felsberg, Borken und Jesberg und kam 
schließlich als Prädikatsassessor nach 18jühriger 
Wartezeit als Amtsgerichtsrat nach Gladenbach und 
heiratete eine Tochter von Generaloberarzt Gervinus 
in Marburg. 
Gleichzeitig mit Bolckmar lernte ich hier auf 
der Lindenlust den Regierungsbaumeister Ernst Seckel, 
einen geborenen Berliner, kennen, der an geistrei 
chem Berliner Witz, Gedankenschnelle und Ge 
wandtheit eine vorzügliche Ergänzung zu ihm bot. 
Er war als Vertreter und späterer Nachfolger des 
Kgl. Baurats Siefer hier am Kgl. Hochbauamt 
tätig und zur Erfüllung besonderer Aufgaben hier 
hergesandt. So hatte er das hiesige 1550/57 er 
baute alte hessische Landgrafenschloß, dessen 
Holzwerk an den Kopfauflagen mehrfach durch 
brach, und nach Herausnahme der inneren Stock 
werke und Ziegelabdeckung einen Blick von unten 
durch die Dachsparren gestattete, vollständig zu 
erneuern. Außerdem hatte er Schloß Spangenberg 
für die Kgl. Forstschule, wie früher berichtet, unter 
Wahrung des geschichtlichen Charakters innen aus 
zubauen,^ herzurichten und das aus dem 13. Jahr 
hundert stammende wertvolle Bauwerk als kulturge 
schichtliches Baudenkmal zu sichern. Beides hat er 
musterhaft ausgeführt und war Architekt Fenner- 
Spangenberg dabei mit tätig. Ferner erbaute er 
das stattliche Gebäude des neuen Lehrerinnen-Semi- 
nars Rotenburg an der Fulda vor der Stadt an 
der Braacherlandstraße und hat auch dies Werk 
vorbildlich durchgeführt. Nach 5jähriger Tätigkeit 
ging er Ende 1910 nach Tilsit, wo er die Nus- 
seneinsälle erlebte, fast 20 .Fahre blieb, und wohnt 
jetzt i. R. in Stendal, besuchte Melsungen 1935 
wieder mit Frau. Seine fachliche Tüchtigkeit wurde 
schon vorher anerkannt, denn obgleich er sich damals 
hier noch nicht in einem endgültigen Anstellungs 
oder Beamtenverhältnis, sondern gleichsam noch in 
Assessorenstellung befand, hatte er sich durch Aus 
führung großer Staatsbauten z. B. in Reckling 
hausen schon verdient gemacht, daß ihm der König!. 
Kroncnorden 4. Klasse hierher nachgesandt wurde. 
Zu diesen zwei flotten Gesellschaftern gehörte 
noch als dritter im Bunde Gerichtsassessor von 
Baumbach aus ältestem hessischem Adel der Ritter 
schaft, später Kgl. Amtsrichter in Hess. Lichtenau, 
dann in Fronhausen als Gerichtsrat. Er heiratete 
eine Tochter des hessischen Geschichtsforschers Oberst 
von Geyso-Marburg. Ferner kam Gerichtsreferen 
dar Freiherr von Wangenheim, ein Heidelberger 
Vandale, dazu, der später als Einjährig-Freiwilliger 
beim 2. Großherzoglich Mecklenburgischen Drago- 
ner-Regt. Nr. 18 diente und auch ein frischer Ge 
sellschafter war. Mit diesen 3, außer von Baum 
bach, aber noch mit anderen Teilnehmern, wie z.B. 
Kfm. Wilh. Sallmann, Tuchfabr. Aug. Rehn, 
Oekonomie-Spezialkommissar Paul Metz, machte ich 
am 26. und 27. 5. 1906 über Sonnabend und 
Sonntag über Fulda eine Wanderfahrt in das 
Rhöngebirge, wobei wir im Gasthaus Milseburg 
übernachteten. Die beiden Referendare steckten vol 
ler lustiger Einfälle, veranstalteten bei Seckel nachts 
sog. „Budenzauber", der einige Unruhe in die 
nächtliche Stille brachte und neueingezogenen Ruhe 
suchenden Damenkurgästen, wie Gastwirtschaftsin 
haber und Personal die heißersehnte Nachtruhe 
raubte, aber bei den übrigen Teilnehmern eine 
starke Dosis Humor vermittelte. Neu erworbene 
Bergstöcke, die Bolckmar nur erwähnte wie in 
Schwabendichter Ludwig Uhlands „Schenk von 
Limburg", „damit er über breite Waldströme kühn 
sich schwang", bildeten unsere Ausrüstung. So 
wurde auch über Abtsroda die Wasserkuppe erstie 
gen, wo in 950 Meter Höhe dichter Nebel mit 
Rieselregen herrschte, sodaß keine Spur von Aus 
sicht war. Wir betraten den damals etwas dump 
fen Gasthof. stärkten uns und trugen uns ins Frem 
denbuch ein, wozu ich einige Zeilen fügte wie folgt: 
„Nebel, Regen, Wind und Wetter, manchmal ist's 
vielleicht auch schön, doch wär's heute wohl viel 
netter, nur vom Tal den Berg zu seh'n." Dazu 
malte ich das neue Stadtsiegel Melsungens, wie 
1267, das unter meiner Verwaltung gerade neu 
herausgekommen war. in Blaustift' (das silberne
	        

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