Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

aus finanziellen Gründen verbot. Es wurde eine 
Vorlage für eine städtische Elektrizitätsanlage auf 
gestellt. Ingenieur Lautemann-Marburg, spater Di 
rektor des Marburger städt. Elektrizitätswerks, war 
Sachberater, da er von der geplanten Elektrisierung 
des Baunatales im Landkreis Kassel her bekannt 
war, die die Vorläuferin der Eddertalsperre wurde, 
durch Ausdehnung auf den ganzen Kreis und spä 
ter auch die umliegenden Kreise. 
Für unsere geplante städtische Kraftanlage war 
anfänglich ein Leitungsnetz von 24 000 Meter Länge 
vorgesehen, offenbar um den Stadtvätern durch eine 
kleine Anlage mit geringerem Aufwand die Zu 
stimmung zu erleichtern. Das wäre jedoch Flick 
werk gewesen und eingedenk des Rates, den mir 
mein hochgeschätzter Lehrmeister Bürgermeister Gärt 
ner-Rinteln beim Abschied mit auf den Weg gab: 
„Mein lieber Gleim, wenn Sie etwas bauen, dann 
bauen sie es nicht zu klein, sonst erleben Sie nie 
Freude daran", veranlaßte ich eine Ausdehnung des 
Leitungsnetzes auf 46 000 Meter. Dies erwies sich 
auch als richtig. Rach Bewilligung einer ersten 
Rate von 60 000 Mark wurde mit dem Bau be 
gonnen. In dem bis dahin (siehe meinen Bericht 
im Melsunger Kreishandbuch von 1929) oben die 
früher Ferdinand und dann George Schreiber'fche 
Wollspinnerei und unten die von dem aus Allmers 
hausen bei Hersfeld stammenden (* 10. 12. 1836) 
Waldmeister Johannes Stöpsel, dessen Vater aus 
Wendeshaufen bei Tann (Rhön) stammte, betrie 
bene Walkerei für die hiesigen Tuchmachermeister 
bergenden Schleusengebäude, das zwei Ausgänge 
nach der Schleuse und einen oben auf die alte wuch 
tige steinerne Bartenwetzerbrücke von 1595/96 hatte 
und wo früher auch Tuchfabrik M. Steinbach Spin 
nerei betrieb, wollte der neue Besitzer Meier-Kassel 
Schreinereimaschinen aufstellen. Durch Pachtvertrag 
ging das Gebäude auf die Stadt über mit einem 
Vorkaufsrecht je nach Ermessen der Stadt. Der 
Besitzer Meier baute statt der für die Gesamt-Müh 
lenanlagen der Wogmühle und die Pächter Getreide 
(Schreiber, dann Theobald Fenner), Wollspinnerei 
(Friedrich Figge aus Bergneustadt, dann August 
Hesse aus Mittelstebecke im Bergischen), Wal 
kerei (I. Stöpsel), später auch Korkschroterei (von 
Benno Stern-Spangenberg), vorhandenen 5 Wasser 
räder am linken Fuldaufer zwei neue Turbinen 
von 80 Pferdekräften ein und erklärte sich bereit, 
elektrische Kraft nach Bedarf an die Stadt zu lie 
fern ä 10 Pfennig für jede Kilowattstunde. Die Stadt 
baute das Leitungsnetz und zwei Dynamos im Un 
tergeschoß des Schleusengebäudes ein, das im un 
teren und hinteren Teile einen völligen massiven 
Umbau erfuhr, aber wie im vorderen Bau den 
alten so in dem erneuerten Teil auch den Ausgang 
zur Schleuse behielt, was sehr wichtig war. Im 
Oberstock des stromaufwärtigen Teils des Schleu 
sengebäudes stellte die Stadt eine Zellen-Akkumu- 
latoren-Batterie von der Firma Boese-Chemnitz, die 
10 500 Mark kostete, auf, die aus zahlreichen 
starken hohen 4eckigen Glasgefäßen mit Metallein- 
sützen und entsprechenden Flüssigkeiten bestand und 
den doppelten Zweck hatte, den in den Tagesstun 
den erzeugten Kraftstrom aufzuspeichern und in den 
Abendstunden bei größerem Bedarf (der Zeit der 
sogenannten Spitzenbelastung) abzugeben und außer 
dem ein schönes ruhiges Licht zu gewährleisten, 
durch gleichmäßige Abgäbe aus der Batterie, welche 
gegebenenfalls durch Gleichschaltung mit den unmit 
telbar auf das Leitungsnetz arbeitenden Turbinen 
gesteigerte Stromabgabe ermöglichte. 
Außerdem wurde in unserer damaligen Tuch 
fabrik Gebrüder Gleim in der Vorstadt an der 
Bahnhofstraße, wo nach der 60 PS Dampfmaschine 
von Gebrüder Sulzer-Winterthur eine 150 PS 
von A. Trenk-Ersurt stand, eine Dynamomaschine 
mit Schalttafel aufgestellt, um eine Kraftreserve 
anlage zu besitzen für den Fall von Störungen 
im Turbinenwerk durch Hochwasser, Eisgang, Treib 
eis oder Niedrigwasser in der trockenen Jahreszeit, 
Bruch, Kurzschluß oder sonstige Hemmungen der 
Stromerzeugung. Auch diese Reservestelle lieferte 
außer einer zu zahlenden Bereitstellungsgebühr von 
10 Mark für den Bedarfsfall die Kilowattstunde 
elektrischen Strom ä 10 Pfennige. Die Gebühr 
war erforderlich, weil unsere Tuchfabrik als erste in 
weitem Umkreis schon viele Jahre früher eine 
eigene Elektrizitätsanlage von der Firma Schorch in 
Rheydt für den Fabrikbedarf hatte, und weil man 
gels Abschaltungsmöglichkeit der ganze Lehrlauf der 
Fabrik nach Betriebsschluß mitlaufen mußte, wenn 
der Stadt-Dynamo zur Stromabgabe an die Stadt 
eingeschaltet wurde und die ganze Fabrik durch die 
elektrische Fabrikbeleuchtungsanlage beleuchtet blieb, 
weil die Fabrikdampfmaschine unmittelbar auf das 
Fabrikleitungsnetz arbeitete, da eine Akkumulatoren- 
Batterie weder vorhanden noch erforderlich war und 
der Heizer durch Ueberstunden länger im Dienst 
blieb, ganz abgesehen von dem durch den Leerlauf 
in den Maschinenlagern erforderlich werdenden grö 
ßeren Schmierölverbrauch bzw. Heißlausgesahr. 
Durch das Entgegenkommen von Gebrüder Gleim 
blieb der Stadt vorläufig die Herstellung einer 
eigenen Kraftreserve erspart und konnte die Weiter 
entwicklung abgewartet werden. Für die Herstellung 
des städt. Leitungsnetzes, Aufstellung der Dynamos 
und Umbauten wurden rund 105 000 Mark erfor 
derlich. Die Herstellung wurde der Firma Land 
wehr & Schultz-Kassel übertragen, die einen sehr 
tüchtigen Reisevertreter hatte, nach einem heißen 
Wettbewerb mit der Kasseler Firma A. Gobiet & 
Co., deren Angebot ungefähr gleich war und die 
früher auch schon Vorschläge gemacht hatte. Be 
rücksichtigt werden muß die anfänglich recht schwache 
Beteiligung der Bürgerschaft, da zuerst nur runi 
50 Bürger bereit waren, elektrischen Strom zu 
verbrauchen, wegen der noch weit auseinandergehen 
den Wünsche, wegen Steinöl, Gas, Azetylengas und 
der noch kaum bekannten Elektrizität, deren Lam 
pen natürlich am Draht hingen und nicht aus einem 
Zimmer in das andere getragen werden konnten um 
überall hineinzuleuchten. Ebenso war es ungewohnt, 
in jedem Zimmer ein Licht, wenn auch abschaltungs- 
fühig, anbringen zu müssen, und scheute man die 
ersten höheren Anlagekosten und die größere Zahl 
der noch kostspieligen Kohlenfadenglühbirnen, die 
noch viel Strom verbrauchten, und deren Kohlen 
faden noch recht bruch- und stoßempfindlich war. 
Die Bauausführung des Leitungsnetzes hatte 
der Montageleiter Iohnel, ein großer intelligenter 
dunkeler Rheinländer, aus Honnef am Rhein, der 
in jener Zeit mit Frau und Kind hier wohnte, aber 
auswärts früh vor dem Weltkrieg starb, wodurch 
Heinz Gleim von hier als Kriegsverwundeter die 
Frau im Dienst des Roten Kreuzes in Hechingen 
traf. Die Bauausführung währte von 1906 bis 
Mai 1907 und wurde Ende Mai 1907 der Betrieb 
zuerst in Gang gesetzt. Inzwischen war Maschinen-
	        

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