Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

auch besonders lieb gewinnt, so haben auch wir 
Hessen die Liebe zu unserem Buchenlande schon 
von den Vorfahren ererbt. Ererbt haben wir auch 
den Sinn für das Althergebrachte an Rechten, Sit 
ten und Gebräuchen, aber auch für den alten Glau 
ben und für den alten Gott, der noch immer eine 
sichere Stätte hat im Hessenlande. Doch auch der 
Fortschritt findet hier guten Boden, soweit die 
vorhandenen Mittel dazu ausreichen, nur darf der 
Schritt nicht in Lauf ausarten, damit die Fülle der 
Neuerungen und Steuern nicht zum Fortlaufen ist, 
besonders für die Steuerzahler. Solch ein Hesse, wie 
eben geschildert, bin ich nun, meine Herren, und bin 
es geblieben trotz meiner 22jährigen Abwesenheit von 
hier. Ich bitte Sie alle recht herzlich um Ihre 
Unterstützung und um Ihre Mitwirkung, aber auch 
um Ihre Nachsicht, da ich mich hier erst einarbeiten 
muß. Es wird mein Bestreben sein, in gerechter, un 
parteiischer und menschenfreundlicher Weise die 
Amtsgeschäfte zu führen mit Hilfe der auf dem 
Bürgermeisteramte in Rinteln und zuletzt noch in 
Homberg erworbenen Sachkenntnisse, mit Hilfe der 
aus meinen zahlreichen großen Reisen im In- und 
Ausland gesammelten Erfahrungen, mit Hilfe der 
erprobten städtischen Beamten und des bewährten 
Rates meines Vaters, der nun schon während eines 
Menschenalters in ehrenamtlicher Stellung tätig ist. 
Ich spreche den Wunsch und die Hoffnung aus, 
daß es mir vergönnt sein möge, in steter Ein 
tracht mit den Behörden und den Bewohnern in dem 
mir beschiedenen Kreise wirken zu können zum 
Wohle der Stadt bis in ferne Tage." 
Ium Schlüsse nahm Herr Heinrich Mardorf I 
als Mitglied des Magistrats das Wort. Mit war 
men Worten brachte er nochmals in schwungvoller 
Rede gegenüber dem Herrn Abg. Franz Gleim 
die Dankbarkeit der Stadt zum Ausdruck und 
wünschte, daß dessen bewährte Kraft noch lange 
der Stadt erhalten bleibe: dreimal sei Herrn Franz 
Gleim das Amt des Bürgermeisters angetragen 
worden, doch jedesmal habe er herzlich dankend 
abgelehnt mit der Begründung, daß er nicht in der 
Lage sei ein so arbeits- und verantwortungsreiches 
Amt neben seinen sonstigen Ehrenämtern verwalten 
zu können. Diese Ablehnung habe dann zur Wahl 
des Sohnes des Herrn Abgeordneten Gleim geführt, 
da man sich gesagt habe, „der Apfel fällt nicht weit 
vom Stamm", und da man einen in der Stadt ge 
borenen Herrn zum Bürgermeister haben wollte, 
der nicht nur mit dem Verstand arbeite, sondern 
auch mit dem Herzen an seiner Vaterstadt hänge. 
Die große Mehrheit bei der Abstimmung und die 
allgemeine Zustimmung der Bürgerschaft liefere ge 
wiß den Beweis, daß man richtig gewählt habe, 
und er hoffe, daß der 21. April ein Markstein in 
der Geschichte der Stadt werde. 
Nach Verlesung und Unterzeichnung des Proto 
kolls und allgemeiner Beglückwünschung des neuen 
Bürgermeisters wurde die sehr stimmungsvolle Feier 
und Sitzung geschlossen. 
Beim Verlassen des Rathaussaales kam mir 
schon der altbewährte Stadtkämmerer Samuel Sie- 
mon gliickwünschend entgegen und bat um einige 
Unterschriften, die ich dann als erste im neuen Amte 
leistete. 
Jetzt ging es unverzüglich an die Arbeit. Die 
vordringlichste Aufgabe war die feit längerer Zeit 
schwebende Beleuchtungsfrage. In den letzten Jah 
ren waren schon öfters Versuche unternommen wor 
den, eine Neueinrichtung zu schaffen. Vorträge wur 
den gehalten, Versammlungen veranstaltet, um die 
Wünsche und Ansichten der Bürgerschaft zu hören, 
die vielfach auseinandergingen, manche wünschten 
Gas, manche Elektrisch/ auch Azetylengas, das 
manchmal in Kleinanlagen, Fahrradlampen und 
Gasthäusern verwendet wurde, und recht explosiv 
war. ging um, manche Stellen waren weiter für 
Oel, nämlich die vielen an ihre alte Stehlampe ge 
wöhnten Leute, und die auswärtigen Lieferanten, 
und die Hausfrauen, besonders welche von aus 
wärts Gasherde mitbrachten oder kannten, schwärm 
ten für Gas, während der kleine Kreis der Elek 
trizitätsfreunde mit dem vorgeschrittensten Licht- 
und Kraftstrom nur langsam Feld gewinnen konnte. 
So baumelten denn noch bei meinem Amtsantritt 
21. 4. 1906) die großen Petroleumlaternen an 
angen eisernen Ketten mit Winderad zwischen den 
Häusern, wurden täglich herab- und hinaufgewun 
den, vom Nachtwächter Heinrich Dietrich aus gro 
ßen Oelkannen mit Steinöl gefüllt, Scheiben und 
Zylinder geputzt, und verbreiteten nachts in be 
grenztem Umkreis, bei leisem Wind behäbig schau 
kelnd. ein schummriges Licht, das den magischen 
Eindruck der mittelalterlichen Giebelhäuser und 
Straßen noch erhöhte. Da auch Kraftfahrzeuge noch 
fast unbekannt waren, so war die Stimmung der 
altfränkischen, malerischen Stadt besonders auch 
abends äußerst wirkungsvoll. 
Vorweg möchte ich noch erwähnen, welche un 
endliche Freude und welches Glück ich empfand, 
hier in der geliebten Heimatstadt an den Stätten 
meiner Kindheit, wo meine Vorfahren väterlicher- 
und mütterlicherseits (Gleim und Steinbach) seit 
Jahrhunderten ansässig waren und als Wollentuch 
machermeister, nach den 1813/15er Befreiungskrie 
gen als Tuchfabrikanten und vielfache Arbeitgeber, 
wirkten, in führender Stellung als Bürgermeister 
tätig sein zu können. Ich kann wirklich versichern, 
es durchströmte mich ein heiliges Feuer dieser Stadt, 
an der ich mit allen Fasern hing und nach der es 
mich, wo ich auch war, ewig heimzog, mein ganzes 
Leben zu widmen. 
Inzwischen hatten noch mein Vater Franz Gleim 
als einstweilen amtierender Bürgermeister und Bei 
geordneter Tuchfabrikant Friedrich Steinbach mit 
dem Mühlenbesitzer Meier-Kassel, dem damals die 
Fulda-Wogmühle hier gehörte, eine Vereinbarung 
getroffen über einen Strompreis von 10 Pfg. je 
Kilowatt, für den Fall des Zustandekommens einer 
städtischen Anlage, um einen Ueberblick über die 
Kosten zu gewinnen. Ich nahm mich nun der 
Sache schleunigst an, denn ich war unbedingt für 
Elektrizität, auch wegen der Kraft für Gewerbe 
und Landwirtschaft, nachdem ich noch in Rinteln 
und Homberg Gelegenheit hatte mit den städtischen 
Gasanstalten zu arbeiten, wo stets Steinkohlen 
zufuhr als Kraftquelle nötig war. So mußten doch 
z. B. alle Gaslaternen jeden Abend angezündet 
werden oder selbst, wenn man sie wie einen Gas 
zigarrenanzünder klein brennen ließ, wodurch viel 
Gas entströmte, aufgedreht werden, auch konnte bei 
Wind durch Perlöschen Störung durch Gasgeruch 
und Explosionsgefahr eintreten, ganz abgesehen von 
Gasvergiftung, und Patentbrenner, welche durch das 
ausströmende Gas selbst aufflammten, waren noch 
nicht anwendbar. Unzweifelhaft hielt ich Elektrizi 
tät für das Zeitgemäßeste und daher hier Anzu 
strebende, da sich Gas und Elektrisch gleichzeitig
	        

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