Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

mögen verwaltet werden, weil damals eine Verwen 
dung von Kaufgeldern für Grundvermögen in der 
Stadtkämmerei für Ausgaben im lausenden Voran 
schlag von der König!. Regierung als Aufsichtsbe 
hörde allgemein nicht gutgeheißen wurde. Als Teil 
ersatz für die verlorenen 76 Morgen Stadtwald 
wurde der vordere Pfieffrain vom Eisenbahnbogen 
bis zum Corneliusgraben, wo bis dahin nur Dorn 
gebüsch bestand, mit Fichten ausgeforstet. Außer 
dem gab die Stadt die Hohewartquelle der Heil 
stätte zur ersten Wasserversorgung und als Bau 
wasser kostenlos und ließ von der Heilstätte ein 
Motorpumpwerk neben dem neuen Hochbehälter am 
Koppenhagen errichten, um das Bedarfswasser aus 
der neuen städtischen Hochquelleitung zur Heilstätte 
hinaufzupumpen, das nach Kubikmetern und Tarif 
bezahlt wurde, wodurch ein wichtiger Zinszuschuß 
für die Verzinsung und Tilgung der ungefähr 
165 000 Mark ausmachenden Wasserleitungskosten 
entstand, wie ja die Wasserleitung durch den Heil 
stättenbau notwendig wurde. 
Die Heilstätte Stadtwald, belegungsfähig mit 
120, später 150 Kranken, unterstand nicht unmittel 
bar dem preußischen Eisenbahnministerium, son 
dern war eine Einrichtung der einen eigenen Rechts 
stand bildenden Pensionskasse für die Arbeiter der 
Preußisch-Hessischen Staatseisenbahn, da die Hessi 
sche Ludwigsbahn mit dem Direktionssitz in Mainz, 
mit der Preußischen Staatseisenbahn verbunden 
war und deshalb auch den gekrönten, schwarzen 
preußischen Adler mit Szepter und Reichsapfel und 
den schwertbewehrten, gekrönten, 5mal rot-weiß ge 
streiften Hessenlöwen als Wappen führte, wie die 
Eisenbahnwagen. 
Da Bürgermeister Gustav Karthaus ein tüchtiger 
Beamter, in seiner früheren Rentmeisterlaufbahn 
im nassauischen Regierungsbezirk Wiesbaden tätig, 
in Koblenz in der Rheinprovinz Soldat und im 
Saar-Rheinland beheimatet war, so zog es ihn wie 
der in sein altes Tätigkeitsgebiet und er bewarb sich 
anderwärts als Bürgermeister, worauf er sowohl in 
Bad Nassau wie auch in Weilburg an der Lahn 
gewählt wurde, letzteres Amt zum 1. 10. 1905 an 
nahm und im August beurlaubt seine hiesige Wirk 
samkeit beendete. 
So stand die Sache als man hier nach einem 
neuen Bürgermeister Umschau hielt, nachdem mein 
Vater Franz Gleim endgültig Min 3. Male bei 
einer Vacanz abgelehnt hatte, "das Amt, wegen sei 
ner Ehrenämter, dauernd zu übernehmen. Da man 
hier zwei Bürgermeister von auswärts hinterein 
ander kurzfristig gehabt hatte, so wurde auch erwo 
gen, einen stadtverbundenen Nachfolger zu bekom 
men, und so erhielt ich in Berlin einen weiteren 
Brief von anderer Seite aus Melsungen mit der 
Nachricht, von der Absicht, mich zur Wahl zu stellen. 
Ich war höchst überrascht, wollte nicht daran glau 
ben und antwortete, ich käme ja im September wie 
alljährlich ohnehin nach Melsungen (wo damals eine 
Obstbau-Ausstellung war, die ich besah), dann könn 
ten wir weiter reden. Auch mein einstiger Schul 
kamerad W. O. Prack kam nach Berlin und emp 
fahl mir Uebersiedlung nach Melsungen. Bei mei 
nem Hiersein wurde ich von mehreren beteiligten 
Mitgliedern der städtischen Körperschaften in aller 
Form von dem Plane in Kenntnis gesetzt und be 
fragt, ob ich eine etwaige Wahl annehmen würde. 
Ich bat mir Bedenkzeit aus, um mit meinem Va 
ter Rücksprache nehmen zu können, da es sich für 
mich um eine entscheidende Wende fürs ganze Leben 
handelte. Darauf suchte ich meinen Vater auf, 
setzte ihm die Sachlage auseinander und nach ein 
gehender Aussprache erklärte er seine Zustimmung, 
worauf ich mich den vorerwähnten Stadtvertre 
tern gegenüber zur Annahme einer etwaigen Wahl 
bereiterklärte, die mir dann erwiderten, das Uebrige 
lassen Sie unsere Sache sein. Fm Einvernehmen 
mit meinem Vater beschloß ich dann, mich als 
bald in einem auswärtigen Bürgermeisteramt durch 
informatorische Beschäftigung einzuarbeiten, und 
wurde dafür die zum kurhessischen Gebiet des Re 
gierungsbezirks Kassel damals noch gehörende Kreis 
stadt Rinteln an der Weser im Kreise Grafschaft 
Schaumburg in Aussicht genommen, wo Bürger 
meister Gärtner, den mein Vater vom hessischen 
Kommunallandtag und mehreren Städtetagen her 
kannte, seit 14 Jahren regierte, und der sich gern 
bereiterklärte, mich zur Einarbeitung aufzunehmen. 
Mein beruflicher Weg führte mich dann noch nach 
Westdeutschland, wobei ich mich in Rinteln, sehr 
freundlich aufgenommen, vorstellte und nachdem ich 
in Berlin, wo ich ja seit mehr als 10 Fahren über 
meine Zeit selbst verfügen konnte, mich vorläufig 
für einige Zeit freigemacht hatte, meine informatori 
sche Beschäftigung aufnahm. Anfangs war ich im 
Stadtbüro tätig, zur selbständigen Bearbeitung der 
vorkommenden Schriftsätze. Da meine Tätigkeit 
offenbar Anklang fand, so wurde ich bald in das 
Bürgermeisterzimmer geholt, wo alle Eingänge be 
sprochen und behandelt wurden und hatte ich auch 
Gelegenheit Verhandlungen zu führen, so z. B. mit 
den Grundeigentümern (z. B. mit Stadtv. Küker 
am Fokkenkump) und den Lehrkräften der in Rin 
teln damals 1905 zu errichtenden Präparandenan- 
stalt, deren Leiter zwecks Verhandlung aus Hom 
berg a. d. Efze kam, mit nachfolgendem Lehrer- 
Seminar. Nachdem Bürgermeister Gärtner, ein al 
ter Offizier, sah, wie die Sache lief und er mehr 
fach meinen Verhandlungen als Zuhörer beigewohnt 
hatte, ging er nach Postdurchsicht meist fort und ließ 
mich ganz selbständig arbeiten. Eines Tages fragte 
mich "Bürgermeister Gärtner, dessen Gemahlin eine 
geborene von Stöphasius und Schwester des Poli 
zeipräsidenten von Magdeburg war, nach meinen 
Militärverhältnissen, ob und wo ich gedient habe. 
Fch erwiderte, ich sei Einjährig-Freiwilliger 
beim Fnf.-Regt. von Alvensleben (6. brandenbur- 
gisches- Nr. 52, dessen Chef damals Prinz Arnulf 
von Bayern war, bei dem ich auch Offizieraspirant 
und Unteroffizier wurde, gewesen und habe vom 
1. 10.—30. 9. 1888/89 beim Fllsilier-Batl. in 
Kottbus gedient und der 9. Komp, als Flügelmann 
angehört. Da war er freudig überrascht und erklärte 
mir, er sei bis 1886 Kommandeur dieses Bataillons 
gewesen, kannte fast alle Offiziere noch, besonders 
meinen alten wie Ritter Frundsberg aussehenden 
darmhessischen Hauptmann Felsing, der die 9. 
Komp. 11 Fahre hatte, weshalb er unserm Leut 
nant von Falckenberg, der sich beim Kompagnie 
exerzieren aus Diensteifer nachzuhelfen bemühte," auf 
hessisch zurief: „Herr Leutnant v. Falckenberg, be- 
bekümmernse sich um Fhren Zug on net um meine 
Kompagnie, ech weiß wiese gefiehrt werd, glau- 
wense mir, ech weißes", und im April 1889 Major 
wurde, und Premierleutnant von Niebelschütz meinen 
Zugführer. Bon da an standen wir uns noch näher 
und als er erfuhr, ich fei Oberleutnant d. N. im
	        

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