Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

Die Mutter als Krankenpflegerin 
3 ur Mutter flüchtet sich das Kind mit seinen kleinen 
Nöten, ihr tlagt es zuerst seine Schmerzen. Die 
Mutter muß für alles einen Rat, ein Wort des Trostes 
haben. Ihre beschwichtigenden Worte, ihre linde Hand 
verscheuchen die Schmerzen. Sie muß die leichten Ver 
letzungen verbinden, bei Erkältungskrankheiten und 
Magenverstimmungen die Hausmittel auswählen und 
die richtige Diät zubereiten. Sie ist der „Hausarzt" 
bei all den kleinen Krankheiten und Verletzungen, mit 
denen man nicht gleich zum Arzt läuft. Sie muß aber 
auch die ernste Gefahr einer Erkrankung erkennen, die 
ärztlicher Hilfe bedarf 
Bei plötzlichen Erkrankungen, bei Unglücksfällen 
kommt vieles auf die Umsicht der Hausfrau an, da sie 
es ist, die .die ersten Hilfeleistungen vor dem Ein 
treffen des Arztes tun muß. An die seelische und kör 
perliche Stärke einer Frau werden in solch einem 
Moment große Anforderungen gestellt. Frauen, die 
sogleich kopflos werden und durch ihr Gejammere nichts 
bessern, sondern alles nur verschlimmern, können 
natürlich keine guten Helferinnen sein. Das erkrankte 
Kind braucht vor allem Ruhe und sachverständige Hilfe. 
Seine innere Erregung wird durch die ängstliche Un 
ruhe seiner Umgebung nur noch gesteigert. Ein be 
ruhigender Zuspruch ist mehr wert als sinnloses Helfen 
wollen. Es ist natürlich und verständlich, daß gerade die 
Mutter durch das Unglück im Inneren tief geängstigt 
und beunruhigt wird. Aber mit all ihrer Energie muß 
sie sich zurufen: „Ruhe und nochmals Ruhe". 
Ein krankes Kind im Hause bedeutet für die Haus 
frau eine große Mehrbelastung. Sie muß es Pflegen, 
Zeichnung vvn W. Stuß 
In aufopferungsbereiter Liebe durchwacht die von der TageSarbeil ermüdete Mutter die Nacht 
am Krankenlager ihres KindcS 
jede Handreichung tun, es aufmuntern und unterhalten. 
In der Küche wartet doppelte Arbeit auf sie, wenn für 
das kranke Kind besonders gekocht werden muß. Da 
neben können die lausenden Arbeiten nicht vernachläs 
sigt werden. Auf die gesunden Kinder muß geachtet 
werden, der Gatte soll die Häuslichkeit nicht vermissen. 
Die seelische Belastung, das Bangen um den Kranken 
kommt hinzu. Man muß die Mutter bewundern, die 
still und selbstverständlich all diese Pflichten erfüllt, 
Hausfrau, Gattin, Mutter und Krankenpflegerin in 
einer Person ist. Leichter würde sie es haben, wenn man 
sich zu einer Krankenhausbehandlung entschließen 
könnte. Die Mutterliebe sträubt sich natürlich gegen 
den Gedanken, sich von ihrem Liebling zu trennen. Sie 
ist bereit, alle Opfer auf sich zu nehmen, weil sie glaubt, 
daß niemand ihr Kind so gut pflegen könne wie sie 
selbst. Gewiß, die Liebe der Mutter vermag niemand 
zu ersetzen! In bedrohlichen Fällen ist aber geschulte 
Pflege und sachgemäße Behandlung, wie sie eben nur 
im Krankenhause möglich ist, für den Kranken das 
Wichtigste. In solchem' Fall kann das Sich - nicht- 
trennen-Wollen zum Egoismus werden. Bei anstecken 
den Krankheiten ist ferner zu überlegen, daß die übrigen 
Kinder durch die Krankheit gefährdet sind. Man steht 
vor der Wahl, entweder das kranke Kind oder die ge 
sunden Kinder aus dem Hause zu geben. Uebernimmt 
die Mutter aber selbst die Krankenpflege, muß sie genau 
wie die Krankenschwester die Anordnungen des Arztes 
streng befolgen. Sie muß all ihren Einfluß aufbieten, 
um den Patienten zum Einnehmen der „bitteren Me 
dizin" anzuhalten. Sie muß darauf achten, daß nichts 
Unrechtes gegessen und 
daß die befohlene Bett 
ruhe eingehalten wird. 
Ein fieberndes Kind hat 
von sich aus den Wunsch, 
im Bett zu bleiben. 
Unterhaltungen und 
Spiele mit ihm, die 
seine erregte Phantasie 
noch mehr aufregen, kön 
nen nur schädlich sein. 
Die meisten Kinder leh 
nen in diesem Zustande 
selbst alle Außenreize ab. 
Je nach ihrer Natur und 
Erziehung sind sie ent 
weder „um den Finger 
zu wickeln" oder sie sind 
bei der geringsten Stö 
rung „quängelig" und 
„knatschig". Erwachen 
aber die Lebensgeister 
aufs neue, schreitet die 
Genesung voran, so stellt 
sich beim Kinde auch der 
Drang wieder ein, sich 
zu betätigen, zu spielen 
und gar aufzustehen. 
Dann heißt es für die 
Mutter, ihren Patienten 
geschickt und abwechs 
lungsreich zu unterhal 
ten. Mütter haben tau 
send Einfälle, jede weiß,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.