Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

Zeichnungen von Erhardt Erdmann 
e in bekannter Sportsmann, der mit einem neuen 
' Wagen eine kurvenreiche Rennstrecke entlangfuhr, 
erlitt das Unheil, daß sein Auto am Anfang einer 
scharfen Rechtsbiegung der Straße das linke Vorderrad 
verlor. Der Tachometer zeigte eine hohe Geschwindig 
keit; drohende Lebensgefahr rückte in Sekundenschnelle 
In der Kurve bemerkte der Rennfahrer plötzlich, daß sich das linke Vorderrad vom Wagen löste 
näher. Was konnte zur Rettung geschehen? — Hätte 
der Rennfahrer versucht, mit aller Kraft die Bremsen 
einzusetzen, so wäre die freischwebende Vorderachse mit 
dem Erdboden in Berührung gekommen. Mit einem 
Ruck hätte sich das Fahrzeug'überschlagen müssen, das 
Ende wäre da . . . Jedoch — es kam nicht so weit. 
Denn in demselben Augenblick, als der Tod dem Auto 
lenker so nahe über die Schultern lugte, hatte der 
Fahrer den Verlust des Wagenrades bereits bemerkt. 
Es fiel ihm keineswegs ein, die Bremsen anzuwenden. 
Im Gegenteil: Er suchte die Geschwindigkeit noch zu 
steigern, riß das Steuer mit solcher Gewalt nach rechts 
herum, daß der Wagen die gefährliche Kurve buchstäb 
lich nur ans den beiden rechten Rädern zurücklegte. 
Erst dann stoppte der Lenker die Geschwindigkeit ab; 
das Fahrzeug verlangsamte die rasende Fahrt, und als 
der Wagen schließlich seitwärts kippte, war das Tempo 
so gering, daß neben dem überstandenen Schreck nur 
eines noch störte: — ein ziemlich harmloser, kleiner 
Ruck ...! Die Geistesgegenwart des Autolenkers hatte 
das eigene Leben und das Leben des Beifahrers gerettet. 
Diese Leistung ist damals, als das gefährliche, ja 
abenteuerliche Erlebnis sich zutrug, mit Recht als die 
besondere Tat eines geistesgegenwärtigen Menschen ge 
rühmt worden. Und man Pflegt ja ohnehin die Tugend 
der Geistesgegenwart so sehr zu loben, daß es sich wohl 
lohnt, die Helden der Geistesgegenwart näher in 
Augenschein zu nehmen. Oft nennt man nämlich Gei 
stesgegenwart in einem Atem mit Heldentum. Aus 
welchem Anlaß, mit welchem Recht? 
Geistesgegenwart beweist man dann — so kenn 
zeichnete es einmal ein namhafter Psychologe —, wenn 
man in schwierigen, unangenehmen oder gefährlichen 
Lagen sich nicht verblüffen läßt, sondern klar und be 
stimmt die Situation erkennt und kurz entschlossen 
handelt. — Viel Kaltblütigkeit, viel Entschlußkraft ist 
also notwendig. 
Vor Jahren ereignete sich ein Fall, der in Flieger 
kreisen mit Recht einiges Aufsehen 
erregte: Ein Flugzeugführer, der 
in einer Sportmaschine an nebel 
verhängtem Tage eine weite Strecke 
zurückgelegt hatte, wollte zur Lan 
dung niedergehen. Dort, wo er den 
Flugplatz vermutete, stieß er aus 
der Wolkendecke vor, und als er 
dem Erdboden nahe war, erkannte 
er plötzlich, daß er sich geirrt hatte. 
Statt der freien Rasenfläche sah er 
zwei aufragende Fabrikessen, auf 
die das Flugzeug geradewegs zu 
raste. So blieb nur die Möglich 
keit, zwischen den beiden Schorn 
steinen hindurchzufliegen. Doch 
blitzschnell erkannte der Pilot zu 
gleich, daß die Flügelspanne seines 
Flugzeugs zu weit sei! Und den 
noch gelang der gefaßte Plan! Nur 
wenige Sekunden hatte der Pilot 
Zeit, den Ausweg zu finden, der 
das Unmögliche möglich machte. 
Und was tat er dann? Er riß die 
Maschine zur Seite, so daß die 
Flügel in die Schräglage kamen. 
Fast auf Zentimeterabstand flog 
das Flugzeug durch dieses von Schornsteinen ge 
bildete Tor hindurch und landete glücklich auf dem 
dahinterliegenden Platze. — In Berlin geschah 
es, daß ein Autobuschausfeur, gerade, als er 
Sich an seine Axt 
festklammernd, 
hing der Dachdecker 
zwischen Himmel 
und Erde
	        

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