Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

ab, um die neue Stellung unserer Mörser zu ent 
decken. Aber vergeblich. Da, was war das? Plötz 
lich verstummten die französischen Feldkanonen und 
dumpf und grollend setzten feindliche Großgeschütze ein, 
und wahrhaftig, sie hatten die Richtung genau auf 
unsere schwere Artillerie. 
Also schon wieder schmählicher Verrat! 
Als ich morgens in meine Klause zurückkehrte, 
war Leopold nicht da, doch ein Zettel lag auf dem 
Tisch und darauf stand in ungelenken Buchstaben: „Bin 
zu Herrn General zur Brigade befohlen! Gehorsamst 
Leopold." 
Und während ich noch überlegte, was das für eine 
rätselhafte Geschichte sei, riß es meine Tür auf, und 
bumbs, krach, plautz, stand Leopold da, strahlte vor 
Stolz und Freude, dann nahm er noch ein zweites 
und drittes Mal Stellung, daß die großen Kavallerie 
stiefel nur so krachten, und meldete: „Zur Stelle!" 
Seine linke Hand lag in einer Binde und auf der 
Brust, im zweiten Knopfloch von oben, glänzte wahr 
haftig das „Eiserne Kreuz II. Klasse". 
Ich sprang auf und hätte den wackeren Burschen 
am liebsten umarmt. 
„Von Herrn General selbst gekriegt!" stotterte er 
und Tränen standen in seinen Augen. 
„Und da?" — Ich zeigte auf die verbundene Hand. 
„Bloß ein Pistolenschuß von dem einen Verräter, 
glatter Durchschuß, nicht gefährlich, in drei Wochen 
wieder heil!" 
„Hier, setzen! Eine Zigarette! So, da ist Feuer! 
Und nun erzählen, Leopold!" 
„Das Dings war so, Herr Oberleutnant! Gestern 
abend, als die Franzmänner schon so schnell wieder die 
neue Stellung von unseren „Schweren" heraushatten, 
dachte ich, daß man die Verräter doch endlich Heraus 
kriegen müßte. Ich dachte mir, weil der Verrat immer 
nur nachts im Finstern geschieht, geht die Schweinerei 
durch Lichtsignale. Da bin ich in den Park vom Schloß 
auf einen hohen Baum geklettert und habe mit dem 
alten Fernglas vom Herrn Oberleutnant alle Häuser 
vom Orte abgesucht, aber nichts gefunden. Da bin ich 
weiter vor in das Waldstück und bin dort wieder auf 
einen Baum geklettert und habe nun die vordersten 
Baumreihen abgesucht, und schon hatte ich die Halun 
ken; denn in dem Waldstück dicht hinter dem Teiche 
blitzte es rot und grün auf, mal schnell hintereinander, 
dann mal lange rot, dann kurz grün, so ähnlich wie 
unser Morsealphabet. Ich runter von meinem Boome 
und hin, aber von unten war nichts zu sehen, so ge 
schickt machten das die Kerle, und sonst hätten ja unsere 
Posten und Wachen das längst herausgekriegt. Also 
wieder hinauf auf den Boom, und richtig, jetzt sah 
ich, keine dreißig Schritte von mir, da blitzte es wieder 
rot und grün auf, und wie ich hinschlich, da stand 
unten an dem Verräterboome einer Schmiere, den 
habe ich mit dem Feldstecher eins über den Schädel 
gebrummt, daß der Kerl lautlos zusammenbrach, — 
doppelter Schädelbruch! Kanus nicht ändern! Krieg 
ist Krieg! Nun habe ich den anderen höflichst einge 
laden, herunterzukommen und hielt ihm meinen 
Ulmer, meine kleine Tabakspfeife hin, sah aus wie eine 
Pistole. Da kam der Feigling tatsächlich herunter 
geklettert, aber als er erkannte, baß es gar kein Schieß 
eisen war, krachte er mit seiner Pistole los und traf 
mich in die linke Hand, aber im nächsten Augenblick 
saß ihm meine Faust auf der Näse. Herr Oberleutnant, 
ich gloobe, da ist'n Eierkuchen aus der Visage geworden. 
Da war er nun ganz kleen und häßlich, und ich habe 
ihn zum Ortskommandanten geschafft. Aus ist die Ge 
schichte!" 
Eines Tages war Leopold recht geknickt. Er schien 
seinen herrlichen Humor ganz plötzlich verloren zu 
haben, und als ich drängte, mir seinen Kummer zu er 
zählen, erfuhr ich, daß seine Braut ihm den Abschied 
gegeben habe. 
„Warum denn, Leopold?" 
„Weil ich das Eiserne noch nicht habe." 
„Na, Leopold, das wissen Sie doch: so zehn Kilo 
meter hinter der Front, wo Sie sich immer aufhalten, 
bei der großen Bagage, da gibts keine Eisernen! Viel 
leicht findet sich bald einmal eine Gelegenheit, daß Sie 
sich auszeichnen können, dann sollen Sie es haben!" 
Ich machte mich fertig, in die vorderste Stellung 
zu gehen, da ich dort abzulösen hatte. Beim Verlassen 
meines Quartieres stand Leopold vor dem Hause. 
„Na, noch etwas Neues, Leopold?" fragte ich. 
„Unsere schweren Mörser haben schon wieder die 
Stellung gewechselt, Herr Oberleutnant. Nun bin ich 
bloß neugierig, ob das der Franzmann wieder im 
Handumdrehen erfährt, wie die letzten drei- oder 
viermal!" 
„Das ist Verrat, blanker Verrat, Leopold! Tele 
phon, unterirdisches, oder Lichtsignale, denn die Be 
völkerung hier in Röleghem, äußerlich zahm und 
freundlich, ist heimtückisch und falsch! Da könnten Sie 
sich mal verdient machen ums Vaterland, Leopold! 
Baldowern Sie mal die Verräter aus, da könnten Sie 
schnell zu dem begehrten Eisernen kommen!" sagte ich 
im Gehen, und ließ Leopold mit offenem Munde zu 
rück, ein Zeichen, daß ihm eine wichtige Sache durch 
den Kopf ging. 
Es war eine üble Nacht da vorn im Graben. 
Unsre Artillerie feuerte aus ihrer neuen Stellung wie 
toll in die feindlichen Linien, und die französischen Ge 
schütze tasteten mit verzweifeltem Suchen unser Gelände 
. . . aber im nächsten Augenblick saß ihm meine Faust auf der Näse
	        

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