Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

Plötzlich gab es draußen einen Heidenlärm. 
Jochen stürzte heraus — und kam überhaupt nicht 
mehr wieder. Da lief ihm das Peterle einfach nach, 
schrie auch schon auf: „Jochen, ach, lieber Jochen, 
mache doch den Vogel los! Den armen Vogel!" 
Aber der Jochen rührte sich nicht. Nicht einmal 
als nun Frau Grit dazukam und ihre Bitten mit denen 
Peterles vereinte. 
„Nein, Frau Grit! Dem Schicksal sott man nicht 
in die Hand fallen... Piemals! Das weiß schon, was 
es will! Was gut ist!" > 
Aber dann beendete er doch mit kurzem, raschen 
Schlag den Todeskampf des Habichts, der zwischen den 
Vögeln niedergehend, an den Speck geraten war und 
nun nicht mehr loskam von dem festen, langen Faden. 
„Schau, Peterle", sagte Jochen und zeigte dem 
Kinde die Flügelspanne des Tieres, „das ist der Räuber, 
der Dir erst neulich Deine zahme, liebe Singdrossel 
holte und vorige Woche all Eure kleinen Hühnchen. 
Nun werde ich ihn Dir ausstopfen. Dann gehört er 
Dir! Dir ganz allein!" 
Da jubelte der Kleine: „Ei, Mutterle, da hat mir 
das Christkindlein aber ein feines Geburtstagsgeschenk 
. gemacht, gelt?" Und nun war bestimmt jeder Schmerz 
vergessen. 
Am Spätnachmittag, als Großmutter Urschel kam 
und unter dem strahlenden Lichterbäumchen all ihre 
reichen Gaben auspackte, da jauchzte das Peterle schier 
noch heller: „Oh Du liebstes Großmutterle, Du! So 
arg viel hast mir geschenkt! Aber schau" — ganz stolz 
wär das Büberl dabei, — „schau, den feinen Räuber, 
den hat mir das Christkindlein ganz allein für mich 
geschenkt. Für mich ganz allein! Ist das nicht fein?" 
Die alte Frau nickte und blickte dann ihre Tochter 
argwöhnisch an: „Hm, wenn nun nicht das Christ 
kindlein und die alte Oma ans Peterle gedacht hätten, 
dann wäre es anscheinend ein recht mageres Geburts 
tags- und Christfest ... meinst nicht auch, Grit?" 
Sie wollte noch mehr fragen, aber der wehe Zug 
um Grits Mund, der auch ihr nun schon lange aufge 
fallen und der sich bei Peterles Freude versteckt zu 
haben schien, den wollte sie nicht wieder hervorrufen. 
So schwieg sie darüber 
und plauderte lustig von 
dem netten Brief, den 
ihr die Schwester gestern 
aus Ostpreußen geschickt. 
„Ja, jetzt geht es nun 
endlich besser, gut sogar, 
schreibt die Berta. Der 
Mann und alle ihre 
fünf Jungens haben Ar 
beit. Nach so vielen 
Jahren. Du kannst Dir 
garnicht denken, Grit, 
wie dankbar die Berta 
dafür dem lieben Gott 
ist. Und verheiratet sind 
die Jungens auch schon. 
Alle fünf! Das ist eine 
Freude mit den Enkel- 
chen." 
Sie sah nicht, wie 
Grit bei ihren Worten 
zusammenzuckte, aber sie 
verbesserte sich selbst 
rasch: „Na, was ich da 
red', vier sind verheira 
tet. Die vier ältesten. 
Der Heiner, der jüngste, 
hat ja noch Zeit ... Aber weißt, Grit grad wegen 
dem wollt ich mal mit Dir sprechen, mit dem Krauseck 
auch. Sieh, man wird nachgerade alt. Da dacht ich, 
wenn man dem Jungen vielleicht den Hof verpachtet. 
Für billiges Geld. Daß er auch für sich selbst tüchtig 
was rausarbeiten kann... Du und der Krauseck, ihr 
beiden braucht den Hof ja nicht, und das Peterle soll 
ja, wie's der Krauseck will, dermaleinst studieren... 
Auf viel Pacht brauch ich und auch ihr, Gottlob, nicht 
zu sehen ..." 
Grit zuckte zusammen, die arme Mutter, sie war 
noch immer ganz ahnungslos ... 
„Ja, sieh, Grit, und wenn der Heiner dann mal 
'ne Frau heiratet mit 'nein bißchen Geld, da könnt er 
Euch ja auch mal in Jahr und Tag den Hof aus 
zahlen. Und er blieb doch dann.in der Verwandtschaft, 
der Hof. — Was meinst Du zu dem Plan, Grit?" 
Nanu? Was war denn das? ... Sie redete sich 
hier den Mund fuselig und die Grit war einfach aus 
dem Zimmer gegangen. Stand da drüben am Fenster. 
Fast wollte die alte Frau böse werden, aber das Peterle 
jauchzte grad wieder so hell über all seine Schätze, die 
ihm die Oma geschenkt, daß die sich kurzerhand zu ihm 
auf den Teppich kauerte und mitjauchzte. Es war doch 
nur einmal im Jahr der Geburtstag des lieben 
Jesulein und ihres Peterchens ... da durfte man ein 
fach nicht zürnen. 
Die Grit sah alles, hörte alles — und dachte an 
den Heiner, der hätte sie nie geschlagen, nie! Und der 
sollte nun auf den lieben alten Hof kommen ... für 
immer ... mit einer jungen Frau ... 
Plötzlich zuckte die Grit zusammen: Da führte ja 
der Gustel Schreiber aus dem Nachbardorf die Pferde 
in den Hof... Was war da los? ... Sie stürmte schon 
herunter, aber der alte Jochen kam ihr noch zuvor. 
„Na — und der Herr?" fragte er sachlich trocken. 
„Den haben wir gleich zu uns gejchafft. Am 
schiefen Stein war's", berichtete der Gustel wichtig. 
„Tot war er! Auf der Stelle tot. Das hat auch 
Or. Schellin bestätigt. Ja, was tot ist, ist tot ... aber 
die Pferde, die sind heil, alle beide. Und das ist die 
Hauptsache", schloß er altklug und tröstend. 
„Ja, was tot ist, ist 
tot", wiederholte leise 
der alte Jochen. „Aber 
nun geht, Frau Grit, be 
richtet der Frau Mutter 
das Geschehene. Ich 
spann die Pferde gleich 
vor den Schlitten und 
hol den Herrn ... und 
seht Ihr,' Frau Grit, 
dem Schicksal darf man 
nie in den Arm fallen!" 
Das waren nun der 
Grit in Verbindung mit 
ihrem toten Gatten ganz 
unverständliche Worte.. 
Sinnend blickte sie dem 
Jochen nach ... was 
wohl ineinte er mit 
seinen Worten? 
Als sie aber zur 
Mutter und zum Peterle 
ins Zimmer trat, grü 
belte sie den Worten 
nicht weiter nach, —-Es 
schien ihr nur, "'als 
brenne jetzt der Lichter 
baum viel, viel heller.
	        

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