Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

Glück und Wonne zu sein. Der Krauseck überhäufte 
die Grit, dieses große Kind, förmlich mit Geschenken. 
Und am ersten Heiligen Abend, den die Grit in ihrem 
eigenen schloßartigen Heim verlebte, stand Frau Urschel 
fast starr vor Staunen über die Pracht und den Glanz 
der unerhört kostbaren Geschenke . .. Und das wollte 
was heißen bei der Urschel. Aber die Grit hatte ja 
auch just zu dem heiligen Abend dem Gatten das 
teuerste, schönste Geschenk gemacht: ihm einen gesunden 
Stammhalter in die Arme gelegt. Ein Christkindlein. 
Ja, diese Grit! Mitleidig lächelnd erinnerte die 
über das Glück ihrer Tochter richtig hochmütig ge 
wordene Frau Urschel ihren Mann an sein Unken vor 
einem Jahr... Nun, der alte Weschener war gewiß 
der letzte, der seinem geliebten Kinde nicht alles Glück 
und alle Freude der Welt gegönnt hätte. — Sollte 
seine Frau nur recht behalten. Sollte sie nur ... Aber 
da war so ein seltsam müder Zug um den Mund der 
jungen Mutter ... der gefiel ihm nicht. Doch ließ er 
alle Fragen. — Vielleicht — vielleicht hatte sie doch 
den anderen lieb gehabt, die Grit? ... und hatte es 
damals nur selbst nicht gewußt. Den Heiner, den 
Schwestersohn der Urschel. Der just in den Tagen, da 
der Krauseck um die Grit angehalten hatte, auf Besuch 
gekommen war. Aus dem fernen Ostpreußen und aus 
einem armseligen Heim, in dem sechs starke Männer 
keine Arbeit hatten ... 
Ach Gott, was hatte dem Weschener der große, 
blonde, treuherzige Junge gefallen! Ja, Junge! Er 
war ja nicht älter wie 20 Jahre gewesen! Hatte nichts, 
war nichts, nur eben ein prächtiger Kerl ... aber das 
ist zum Leben immer noch nicht genug. Der Base 
gegenüber, der Grit, verhielt er sich musterhaft — aber 
manch einen den beiden jungen Herzen selbst un 
bewußten heißen Blick hatte der Vater damals doch 
beobachtet. Stieg aus dieser verschütteten Quelle der 
müde, wehe Zug um der Tochter Mund? ... Oder 
hatte sie gar schon im ersten Jahre ihrer Ehe unter 
dem Jähzorn des Gatten zu leiden? ... 
Der alte Mann bekam keine Antwort auf diese 
nie laut gestellte Frage. -Sie brannte lautlos in seinem 
Herzen, in seinen Augen, die er — plötzlich und 
lebensgefährlich erkrankt — bald nach der Geburt des 
Enkels für immer schloß. 
Das war ein tiefer Schmerz für Grit, zu dem 
sich als leiser Trost nur die Gewißheit gesellte: Dem 
Vater würde sich nun das Leid 
seines Kindes nicht mehr offen 
baren ... Und sie ging tapfer 
weiter in ihre schweren Tage, 
die aus immerwährenden De 
mütigungen bestanden und aus 
der sorgenden Angst, ihr Kind, 
ihr Peterle, könnte einst auch 
so werden ... bei dem ihm von 
seinem Vater gegebenen Bei 
spiel, der sie aus purer Lust 
am Bösen oft quälte bis aufs 
Blut. Angefangen hatte es, als 
sie ihm die ersten leisen Vor 
würfe machte über sein leicht 
sinniges Spiel, dem er bereits 
im ersten Jahre der Ehe wieder 
verfallen war. Da gab es böse, 
furchtbare Auftritte, die sich 
von Mal zu Mal, von Jahr zu 
Jahr steigerten. Besonders als 
Grit nichts mehr zu geben 
hatte. All ihre Ersparnisse, all 
ihren Schmuck, auch den mit 
gebrachten, ja, sogar das väter 
liche Erbteil hatte sie dem 
Manne ausliefern müssen. Nun 
hatte er heute verlangt, sie 
solle ihre Mutter bewegen, daß 
sie eine schwindelnd hohe Hypo 
thek aufnehmen solle — aber da 
hatte sich die Grit geweigert. 
Und der Mann hatte sie darauf 
in seiner blinden Wut geschla 
gen. So hart, daß sie diesmal 
nicht den Schrei hatte unter 
drücken können — wie sonst so 
oft. Und wer weiß, was ge 
schehen wäre, wenn daraufhin 
nicht der alte Jochen dem Ra 
senden in den Arm gefallen 
wäre.... 
Und das am Tag des 
lieben Christkindes — und am 
Der Bater kommt heim 
Weltbild
	        

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