Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

In der Weihnachtsnacht von 1813 badete Seine Exzellenz der 
Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher das ein 
jährige Bübleiu Leberecht Sommer im Orte Rödelheim. . . 
Und er legte der Frau das Bübleiu in die Hände, 
zog aus seiner Tasche ein Goldstück hervor und knallte 
es auf den Tisch: „Da, Frau! Los! Vorwärts! Her 
mit dem Braten! Und wenn es mir geschmeckt hat, 
soll Sie noch ein zweites Goldfüchslein haben!" 
Hei, da wurde die Bäuerin rasch freundlich und 
erwiderte: „Aber, ich muß doch den Bub' erst fertig 
baden!" 
. ^is nackber Heit!" 
'„Nein, dann ist das Wasser kalt! Aber, hör er: 
er kann ja den Leberecht fertig baden und ich richte 
unterdrein das Essen!" 
„Wie heißt der Bub?" 
„Na, Leberecht, wie halt alle Buben hierzulande 
itzo! Nach dem Blücher! Oder kennt er den alten Mar 
schall nicht?" 
„Ich schon, aber Sie scheint ihn nicht zu kennen!" 
lachte der Feldherr und fuhr fort: „Wenn der Junge 
Leberecht heißt, dann muß ich ihn schon mal einseifen! 
Her mit dem Kind!" 
Und in der Tat! In der Weihnachtsnacht von 
1813 badete Seine Exzellenz der Generalfeldmarschall 
Gebhard Leberecht von Blücher, Schloßherr auf Groß- 
Rodow in Pommern, das einjährige Büblein Leberecht 
Sommer im Orte Rödelheim bei Höchst am Main. 
Und dann schmauste er vergnügt das Bratgockerl, 
legte, wie er versprochen, ein zweites Goldstück auf den 
Tisch, und als er durch die Tür ging, sagte er zum 
Abschied: „So — gute Frau! Nun grüßen Sie Ihren 
Mann schön und sagen Sie ihm, wenn er grob werden 
will, denn wir Männer sind rechte Rauhbeine, daß 
der alte Marschall Blücher es gewesen sei, der ihm 
sein Weihnachtsgockel weggefressen!" 
Und er knöpfte seinen Mantel auf, daß sie den 
großen Ordensstern auf der Brust sah und ihm glaubte 
und stapfte dann davon, hinaus in die Christnacht und 
schmunzelte so recht froh und zufrieden! Und als er 
gegen Morgen sein Hauptquartier erreichte, diktierte er 
dem diensttuenden Adjutanten jenen historischen Befehl 
vom 25. Dezember 1813: 
„Am 1. Januar mit Tagesanbruch passiert die 
ganze Armee den Rhein! Zuvor aber will ich mit 
meinen Waffenbrüdern in diesem stolzen Strome 
alle Knechtschaft abwaschen und als freie Deutsche 
wollen wir das Gebiet der Zrnncke nation betreten. 
Blücher." 
a hatte nun die Grit Weschener vor sechs Jahren 
so gut geheiratet. So gut! ... Das sagten und 
dachten wenigstens „die Leute". Und hauptsächlich um 
dieser „Leute wegen und um ihr Sagen und Denken" 
hatte die Mutter ihr Kind in diese Ehe gezwängt. Der 
Vater nicht! Der hatte schon damals Bedenken ... 
„Ob es denn der Grit auch wirklich zum Segen gerät?" 
hatte er gezweifelt. Töricht war Frage und Zweifel — 
wenigstens nach der Mutter, nach Frau Urschels 
Empfinden. Sie hatte doch nun ein prächtiges Haus, 
die Grit! Hatte Pferde, Wagen. Der Mann, der sie 
gefreit, wurde nur der „reiche Krauseck" genannt — 
— also! 
Aber der alte Weschener hatte da irgend einmal 
was läuten hören ... von dem furchtbaren besinnungs 
losen Jähzorn, in den der Krauseck fallen solle - • 
auch, daß er früher dem Spielteufel mächtig verfallen 
gewesen sei. Allerdings lag das weit zurück. So an 
die 10 Jahre. Des Krausecks erste Frau lebte dazumal 
noch, die Babett. Ein paar Jahre nach deren frühem 
Tod hatte er dann um Grit angehalten. Just 18 Jahre 
zählte die Grit, während der Krauseck, da er zum 
zweiten Mal freite, bereits deren 48 gesehen hatte. 
Das alles hatte damals dem alten Weschener gar 
nicht so recht hinein passen wollen in seinen betulichen 
und geraden Sinn. Aber die Urschel, die resolute, 
hatte dreingeredet: ,, 
„He, Du willst doch nicht dem Glück Deiner Ein 
zigen im Wege stehen, Vater", hatte sie gezürnt — 
und im Anfang schien ja auch alles wirklich eitel
	        

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