Volltext: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

den, erreicht. — Still und wie ausgestorben lag der Ort 
da und kein Lichtschimmer verriet, daß ja heute die 
heilige Christnacht war. Freilich, das Dorf lag ja in 
der Kriegszone und wahrscheinlich würde es, wenn die 
Beschießung von Mainz einsetzte, derb unter der 
Kriegshandlung zu leiden haben, deshalb wohl war es 
den Dörflern nicht weihnachtlich zu Mute. 
Blücher stapfte durch die finsteren, öden Straßen 
und stieß bis zum jenseitigen Dorfrande durch, kon 
trollierte die Posten, gab hie und da eine kurze, knappe 
Anweisung und machte dann kehrt. Der Schnee siel 
in dichten Flocken und überschüttete den Alten mit 
nassem Weiß und sein Schnauzbart war zur starren 
Eiskruste geworden. Das Waten im Schnee hatte ihn 
nun doch etwas ermüdet und obendrein plagte ihn jetzt 
ein handfestes Hüngerlein und er murmelte vor sich 
hin: „Wenn ich jetzt ein Viertelstündchen verschnaufen 
könnte und einen Bissen Brot zwischen die Zähne 
kriegte, würde ich gern einen Gulden opfern!" 
Aber — wohin er blickte im Dorfe Rödelheim — 
alles war finster. So stapfte er mühsam weiter. Aber 
da, da sah er in einem der letzten Häuser des Ortes, 
es schien ein kleines Bauerngehöft zu sein, ein Licht 
lein schimmern. 
In der Tat! Hurtig hielt der Marschall auf dieses 
Haus zu, trat an das erleuchtete Fenster und sah, als 
er in die Stube blickte, ein gar friedlich und seltsam 
Bild. Mitten im Raum, es war eine einfache Bauern 
küche, stand auf der Holzbank ein Badewännlein, da 
vor eine noch junge Frau, die ein etwa einjährig 
Knäblein mit der einen Hand im Wasserschapp stützte, 
mit der anderen sorgsam abseifte und wusch, und dazu 
sang sie ein Liedlein. Das Fenster war alt und brüchig, 
und so konnte der Marschall recht wohl verstehen, was 
das junge Frauenzimmer sang: 
Der Franzmann echapviert 
und Blücher schnell marschiert, 
er jagt Ban'Harte über den Rhein 
und bald wird lieber Friede jein! 
Das war jenes Lied, welches seit Wochen jeder 
Bursche und jedes Mädel sang, und wer es gedichtet 
und wer die Melodie erfand, wußte kein Mensch, aber 
gesungen wurde es allerorts von groß und klein. 
Die junge Mutter aber hatte sich ein zweites 
Berslein zurechtgedichtet, das sie nun zur gleichen 
Melodie sang: 
Das Christkind heute kömmt, 
dem Bübel Brezeln bringt, 
der Baker kriegt ein Hähnelein, 
die Lichter brenn'n am Bäumelein! 
Dem alten Haudegen war ganz warm ums Herz 
bei diesem einfältig - schlichten Liedlein, und er er 
kannte jetzt auch, daß in der Ecke der Bauernküche ein 
winzig Christbäumlein brannte, nach welchem das 
Kind die Händchen verlangend streckte. 
Die altersschwachen Fenster ließen aber nicht nur 
das Lied durchfliegen, sondern auch einen lieblichen 
Bratenduft durchschlüpfen, der dem erschöpften und 
hungrigen Greis das Wasser im Munde zusammen 
laufen ließ, und er äugte nach dem Herd und richtig, 
da rekelte sich in der Pfanne ein knuspriger Gockel 
hahn. 
„Ei, schockschwerenot! Das wäre ein Fraß für 
mich!" stieß Blücher hervor, und getreu seiner Devise: 
„Vorwärts ohne Zaudern!", klinkte er die Tür auf, 
tappte sich zur Stubentür im finstern Flur, fand 
tastend den Drücker und stand nun plötzlich in der 
Stube. 
„Jesses Maria!" schrie die Bäuerin auf und ließ 
vor Schreck das Büblein ins Wasser plumpsen. Aber der 
Marschall tat rasch drei Schritte, faßte das Kind und 
hob es aus dem Wasser und hielt es gar fürsichtig 
zwischen seinen säbelgewohnten Fingern und lachte die 
Bäuerin an und die ihn, denn sie sah seine hellen, 
blauen Augen, die so gütig strahlten, und der Marschall 
dachte: „Ei, verflucht! Wenn der Bonaparte mich so 
stehen sähe, der würde mich eine alte Kindsmad 
schimpfen!" 
Aber die Bäuerin hatte sich nun gefaßt und fragte: 
„Was will er hier?! Gehört er zu den Preußen?" 
„Kennt Sie mich denn nicht, Frauenzimmer?" 
„Soll ich denn jeden alten Mordbrenner kennen, 
he? Seit Jahr und Tag liegt nun das Kriegsvolk im 
Lande und will sich den Magen voll schlagen! Und er 
doch auch! Ich wette, ihm knurrt der Magen?!" 
„Richtig erraten, Frau! Und da sie solch sein 
Federvieh in der Pfanne schmorgeln hat..." 
„Da seht einer den Freßsack! Meines Mannes 
Weihnachtsbraten will er haben! Den besten Bissen 
aus der Pfanne mausen, das ist so Kriegsart! Und 
wenn mein Mann heimkommt, er muß mit den Gäulen 
Holz nach Frankfurt karren, mag er sich am trocknen 
Brote laben!" 
Etwas ärgerlich erwiderte der Marschall, dem die 
Verhandlungen um den Gockelhahn schon zu lange 
währten: „Und sie ist eine, die ein loses Maul hat! 
Jetzt nehm sie Ihr Kind und dann richte sie mir ein 
Essen! Will Ihr den Gockel bezahlen, wie noch kein 
Kriegsmann je eins bezahlt hat!" 
Hesbalb sollst Hu 
Opfer bringen!
	        

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