Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

Erzählt von Max Karl Böttcher 
urz nach der Völkerschlacht bei Leipzig. — Der 
große Korse war geschlagen und rüstete, durch 
aus nicht entmutigt, in Frankreich zu neuem Auftreten 
gegen seine Besieger. Diese aber, vom Siegestaumel 
erfaßt, saßen in Frankfurt am Main und feierten Feste 
über Feste, berieten unter Führung des korsenfreund 
lichen Metternich, welch' Friedensangebot man Na 
poleon machen solle und man kam tatsächlich zu dem 
schmachvollen Entschluß, den Rhein als Deutschlands 
Grenze anzubieten. 
Unter dem Riesenschwarm von Fürstlichkeiten, 
Diplomaten und Generälen war aber einer mit in 
Frankfurt, der ob solcher Lauheit, die an Vaterlands 
verrat grenzte, in helle Wut geriet, und dieser Eine 
war der alte Haudegen, der Feldmarschall Blücher. 
In seiner rauhen, aber männlichen Art verließ er aus 
Protest gegen die Angst vor Napoleon Frankfurt und 
verlegte sein Hauptquartier nach der Stadt Höchst am 
Main, eine paar Kilometer westlich von Frankfurt, wo 
er nun mit seinem Generalstabschef Gneisenau in 
grollender Einsamkeit hockte und grobe, aber ehrlich 
gemeinte Briefe an seine in Frankfurt gebliebenen 
Freunde schrieb und sie bat, den verhaßten Treibereien 
der „diplomatischen Schufte" ein Ende zu machen, da 
die „Füchse von Diplomatikern" alle Erfolge der 
großen Leipziger Schlacht verdürben. — Und wahrlich: 
Blüchers Freunde, allen voran der Freiherr vom Stein, 
und nicht zuletzt auch Ernst Moritz Arndts Aufruf: 
„Der Rhein, Deutschlands Strom und nicht Deutsch 
lands Grenze!" hatten in Frankfurt erfreulichen Um 
schwung erzeugt und die laue Metternich-Partei über 
trumpft. — 
Kaiser Alexander von Rußland war jetzt für Fort 
setzung des Krieges und so beschloß man am 1. De 
zember 1813, den Kampf über den Rhein zu tragen in 
des Korsen eigenes Land. 
Wer war glücklicher, als Blücher. Nun kehrte er 
ab und zu nach Frankfurt zurück und nahm hier und 
da sogar an einem der Feste teil. Er war und blieb 
nun einmal der Liebling des Volkes, und wo er sich 
zeigte, da jubelte ihm jung und alt in grenzenloser 
Begeisterung zu. 
So kam das Weihnachtsfest heran, und am 24. De 
zember 1813 wurde Blücher von der Bürgerschaft der 
Stadt Höchst am Main, seinem Hauptquartier, zu 
Gaste geladen, um seinen 71. Geburtstag, eigentlich am 
16. Dezember, noch nachträglich zu feiern. 
Hohe und höchste Herrschaften waren aus Frank 
furt herübergekommen, um den Marschall zu ehren, 
und der alte Herr war tatsächlich ausgeräumt wie 
selten und tanzte sogar in jugendlicher Frische eine 
Quadrille. General Bork, der finstere, alte Jsegrimm, 
ferner Prinz Wilhelm und Oberst Katzler waren dabei 
seine Gegenüber. 
Als der Tanz zu Ende war — es mochte wohl elf 
Uhr nachts geworden sein — verschwand Blücher heim 
lich aus der Gesellschaft. Niemand wußte, wo er ge 
blieben war, bis sein Adjutant dem Prinzen Wilhelm 
verriet, daß der Feldmarschall sich aus dienstlichen 
Gründen zurückgezogen habe, er wolle die Außenposten 
revidieren. 
Und das war durchaus keine Finte. — Blücher 
hatte seinem treuen Burschen, dem uralten Gottfried 
Landeck befohlen, ihm seine Dienstuniform in das 
Stadthaus zu bringen. In einem Nebenstübchen zog 
er sich um uud erschien bald in seinen großen Reiter 
stiefeln, den alten schmutziggrauen Mantel überge 
worfen, die speckige Mütze auf den Kopf gestülpt und 
das unvermeidliche Tonpfeifchen im Munde, durch eine 
Hinterpforte auf der Gasse und zog nun mutterseelen 
allein die große Landstraße dahin, die Posten zu revi 
dieren. 
Mainz, die Festung, war ja nicht weit, und sie 
war noch in französischen Händen, und um sich gegen 
Überraschungen zu sichern, hatte Blücher in weitem 
Bogen um sein Hauptquartier starke Feldwachen auf 
gestellt. 
Er marschierte nordwärts. Es war bitter kalt ge 
worden und hatte schon seit Stunden geschneit, so daß 
der Greis gar tüchtig im Schnee waten mußte. Aber 
das störte den Marschall nicht, ja, die klare, frische Luft 
tat ihm gut nach dem langen Treiben in dem ver 
qualmten Rathaussaale zu Höchst. Nur der Hunger 
quälte ihn ein wenig, denn er hatte wenig gegessen, 
da das erwartete Leibgericht: gebratene Gockel 
hähnchen, ausgeblieben wär, obgleich der alte Bursche 
Blüchers, der Gottfried Landeck, es dem Ratskoch zu 
geflüstert hatte. 
Hier und da auf dem Marsche rief ein Relais- 
Posten an und forderte die Parole, und mit lauter 
Stimme antwortete Blücher: „Vorwärts nach Paris!" 
und fand Durchlaß. Kurz nach Mitternacht hatte er 
den Flecken Rödelheim, an dessen Ausgang die am 
weitesten nach Norden vorgeschobenen Feldwachen stau-
	        

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