Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

knisterte es, Risse, haarscharf, zeigten 
sich — es bebte der Damm, — und jetzt 
schossen die Wasser durch. Ein einziger 
wilder Schrei aus hundert Kehlen! 
O Seede, was warst Du klug! 
Krach und Krach! Es flogen Steine, 
zehn, zwanzig, hundert mächtige Brocken 
in die Bresche und dumpf polterten die 
Sandsäcke nach ... Die Wasser stutzten, 
stauten sich, fluteten zurück und kamen 
wieder . . . Was, Ihr Menschlein wollt 
mit einer Handvoll Steine und einem 
Berglein Sand ein wildgepeitschtes, 
sturmaufgewühltes Meer im Siegeslauf 
hemmen? Größenwahnsinnige Zwerge! 
Ha, Meer! Flut! Mit sieghaftem Ge 
brüll, mit weißflammender Gischt stürmt 
es weiter und reißt Sand und Steine 
mit fort, packt die am Rande der Damm 
wunde stehenden Menschlein mit ein und 
schluckt sie mit hinunter, und nun gur 
gelt es in den Straßen. Die ersten 
Hütten stehen im Nu unter Wasser... 
Ihre Einwohner sind längst fort, das 
Unheil ahnend. . . Und die Wellen 
rasen weiter und mit ihnen die Mannen 
vom Damm um die Wette, heim, um zu 
retten, was zu retten ist. . . Und da 
zwischen heulen die Kirchenglocken und 
künden in die Lande von des Wassers 
grausiger Tat . . . Und Seede stürmt 
mit ins Dorf. .. Sein Haus, droben 
am Hügel, ist sicher, aber helfen will er, 
wo seine Hand gebraucht werden kann. 
Besonders ein Haus am Dammwege 
sucht er, dort zu helfen, das Haus, in 
dem Inge Jasky, jetzt Frau Rasmussen. 
wohnt. Da ist es schon. 
Die Tür springt jäh auf und der 
junge Rasmussen stürzt heraus. Seine 
schwächliche Gestalt vermag aber dem 
Drucke der spülenden Wasser nicht zu 
widerstehen und die Wogen werfen ihn 
sofort an den Zaun. Und Seede sieht 
es, und ein häßlicher, harter Gedanke schießt durch sein 
Hirn... „Wenn er jetzt ersöffe, der Rasmussen... wenn 
du Inge rettetest, dann vielleicht..." 
Aber schon drückte er den Teufel nieder, der ihn 
zum Schurken machen will. Und er faßt des jungen 
Menschen Arm und zerrt ihn ins Haus zurück. „Blei 
ben Sie hier, ich komme wieder!" schreit er ihn an 
und dann faßt er Inge, die, wenig bekleidet, mit zit 
ternden Knien vor ihm steht. Er hebt sie hoch und trägt 
sie auf seinen starken Armen aus dem Hause. Bis an 
die Brust spülen ihm schon die Wasser und Inges Füße 
schleifen durchs Naß. Er trägt sie fort. Wulf Rasmussen 
schreit ihnen nach, aber er achtet nicht darauf. Und als 
sie endlich an höhergelegene Straßen kommen und die 
Wucht der Wellen sich mindert, da setzt er sie nieder. 
„Geh' in mein Haus, Inge, ich bring' Dir den Mann!" 
verspricht er ihr noch, dann kehrt er in die wühlenden 
Wasser zurück. 
Ueberall begegnen ihm fliehende, wimmernde, 
jammernde Menschen und allem rief er zu: „Geht in 
mein Haus, da seid Ihr geborgen." Und er kommt an 
Hütten, da sitzen sie auf den Dächern des schon wan 
kenden Hauses, Weiber und Kinder, und flehen und 
betteln, sie herauszuholen und zu retten. Und er ge 
denkt des harrenden Wulf Rasmussen, aber er kann 
3n die Schwemme 
Bronze von Prof. Rob. Pötzelberger, Stuttgart. 
doch an flehenden Weibern und Kindern nicht vor 
übergehen. Und so holt er sie, halb erschöpft und von 
der eisigen Kälte halb erstarrt, herab und schafft sie in 
die höher gelegenen Straßen. 
Und wieder gedenkt er des harrenden Wulf Ras 
mussen und wieder sitzt ihm der Teufel in den Ohren, 
der flüstert: „Laß ihn ersaufen, dann ist sie Dein, 
die schöne Inge!" 
Aber er lacht grell auf und ruft: „Daß ich ein 
Schuft würde!" und abermals steigt er in die gisch 
tenden Wasser, an den Mauern klammert er sich da 
hin. Endlich ist er an Wulfs Haus. Da hängt der 
Mensch geduldig am Gartenzaune und wartet ver 
trauensselig auf seinen Retter. Und als ihn der starke 
Seed packt und fortschafft, sagt er: „Ich wußte, daß 
Sie kämen, Herr Bahlsen. Meine Frau hat mir zu oft 
von Ihnen erzählt, wie gütig Sie seien." Da entwich 
der Teufel aus Seedes Seele' und er war wieder froh 
und stützte den Geretteten, bis er ihn geborgen wähnte 
und holte dann noch vom Dache eines Hauses ein altes 
Mütterchen, das man in dieser wilden, grausigen 
Nacht vergessen hatte und das sich schon die Stimme 
versieht und verschrien hatte, und als er nun selbst an 
sein Haus auf der Höhe kam, war das zum Asyl ge 
worden. Und er suchte Inge und ihren Mann. Sie
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.