Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

„Na, junger Herr, ist es Euch nicht recht, so bleibt 
es!" sagte verwundert der Alte hinterdrein... Das 
hörte Seede und ihm tat es jetzt leid, daß er so kurze 
und abweisende Worte für den alten, treuen Menschen 
gefunden hatte. Und er wandte sich wieder zurück und 
sagte nun: „Nein, nein, Jnstedt, gebt nur reichlich und 
vergeßt auch Euch bei der Auszahlung nicht ... Der 
Alte, der Seede schon seit dessen Kindheit kannte und 
mit ihm gespielt hatte, als er noch in Windelhosen im 
Sande gesessen, merkte sofort, daß Seede ein Leid 
drückte... Väterlich fragte er ihn: „Ist Ihnen nicht 
wohl, Seede? Sie sehen bleich und müde aus." 
Seede wandte sich ab und sagte mit Bewegung: 
„Ihr seid ein alter Freund meines Hauses, Jnstedt, 
und Eure Anteilnahme tut mir wohl. Ich erlitt so 
eben die erste große Enttäuschung meines Lebens, und 
das greift mir ans Herz." 
„Ich sah Euch vorher mit meinem Rohre, als wir 
heimgeschleppt wurden, mit Inge Jasky am Teiche 
stehen, Herr Seede... Ist es das?" 
„Ja, das ist es... Nun wird mein Haus am gro 
ßen Schuppen ohne Herrin 
bleiben und ich bleibe in 
meiner alten Hütte." 
Der Alte wiegte be 
dächtig sein graues Haupt. 
„Ja, Herr Seede, mit der 
Liebe hat der Mensch nicht 
gleich beim ersten Netzwurf 
Glück. Da ist's wie mit der 
Fischerei . . . übrigens, daß 
Inge Euch nicht nimmt, 
hätt' ich Euch längst sagen 
können. Sie ist verlobt mit 
Wulf Rasmussen, des Deich 
bevollmächtigten Sohn." 
„Der so viele Jahre in 
Stettin gelebt hat?" 
„Ja, er kommt nach 
Bidderow und dann führt 
er Inge heim." 
* * 
* 
Der Sommer dahin. Die Herbstfluten waren 
längst über den Strand gerollt und hatten Damm 
und Deich mit brausender Wucht zu stürmen gesucht. 
Aber das wohlgepflegte Dammwerk hatte gar wacker 
widerstanden und das Dörflein vor Not und Tod ge 
schützt.^ Das neue, feste Haus, das sich Seede Bahlsen 
hatte im Sommer bauen lassen, grüßte schmuck und 
freundlich über See und Land, aber es stand leer, denn 
die Herrin, die sich der junge Fischer dafür auser 
koren, war eines anderen Braut geworden und jüngst, 
zum heiligen Feste der Weihnachten, da ward sie 
Wulf Rasmussen angetraut. Seede war seitdem mür 
risch und schweigsam und betrachtete jenen Wulf Ras 
mussen als seinen größten Feind. In dieser Zeit war 
zweimal am Strande ein Schiff in Not gewesen und 
zweimal war es Seede, der in harter See mit braven 
Kameraden die Mannen vom Wrack rettete. — 
„Er will sein Leben dransetzen", sagten die Ka 
meraden, „so tollkühn wagt er sich hinaus." 
Aber das Meer möcht ihn nicht, heil und mit 
Ruhm bedeckt, kehrte er heim. — Nun knechtete ein 
harter Wind mit steten Sturmfluten den Strand. Seit 
zwanzig Jahren hatte das Meer nicht so gehaust und 
den Deich so wild bestürmt und in seinen Grundfesten 
wankend gemacht. Der Deichbevollmächtigte und der 
Deichhauptmann mit einigen Ingenieuren vom Be 
zirksamte ritten täglich mit sorgenvollen Mienen den 
Dünenweg entlang, berieten und maßen und unter 
suchten. — Aber die Fischerleute hinter dem Deiche 
waren voller Vertrauen und dachten nicht an Unheil. 
Doch in der letzten Nacht hub ein solches Stürmen und 
Heulen an, daß selbst die ältesten Fischer meinten, 
diesem Drucke der Wogen könne der Deich wohl kaum 
widerstehen. Frauen und Kinder saßen beim blaken 
den Lichtlein daheim und beteten, die Mannsleut' aber 
zogen die Oeljacken über, drückten den Südwester 
ins Gesicht und gingen nach dem Damm. Ei, wie das 
schnob!! — Ein eisiger Wind brüllte vom Meer und 
peitschte die Wogen auf. Die grünen, feuchten Massen 
schoben sich und drängten sich und überstürzten und 
untergruben sich, schäumten und gischteten und ver 
schlangen sich gegenseitig und gebaren neue, größere 
Wasserberge und sangen dazu ein Lied, wie wilder 
Recken Sang, wie wenn sich Berge rieben, wie wenn 
Lawinen rollen. 
Und die Pechfackeln in ihren glühendschwelenden 
Köpfen schienen bald sterbenden, irrenden Lichtlein 
gleich, bald leuchtenden Totenfanalen. Und hunderte 
Männer standen da und 
schauten in das Wühlen der 
Elemente, und gar manchem 
fraß die Sorge am Herzen, 
denn gar mancher wußte: 
Wenn diese losgelassene 
Höllenflut den Damm zer 
bricht, dann wehe dir, Dörf 
lein, dann wehe dir, Hütte 
und Heimat. 
Jetzt rollte eine Riesen 
woge daher. Mit zyklopen- 
hafter Wucht trieb sie die 
Vorwellen beiseite, verhielt 
einen Augenblick, als wollte 
sie die letzten, gewaltigsten 
Kräfte zusammennehmen, 
und nun sprang sie, ein 
Riesenwasserberg, auf den 
Damm, krallte sich ein, 
züngelte, leckte und fraß, 
— und kehrte brüllend vor 
ohnmächtiger Wut schaumgischtend zurück in das ewige 
Meer. Viele hundert Augen hatten an ihr gehangen, 
hatten sie werden und wachsen sehen, hatten ihren 
Sturm auf die Deichzinne verfolgt, und nun atmeten 
alle, alle tief auf. Auch Seede Bahlsen stand mit 
droben am Damm. Das müßige Zuschauen gefiel ihm 
nicht. Er suchte den Deichbevollmächtigten und schrie 
ihm zwei-, dreimal ins Ohr, bis er verstand: „Jeder 
soll einen großen Stein herbeischaffen und einen Sac! 
Sand bereithalten." 
Das gefiel dem Vogt und er machte es den Män 
nern, die um ihn standen, durch Zeichen verständlich. 
Da schritten sie davon und ein jeglicher holte das Be 
gehrte. Und sie taten gut daran. Denn eine große 
Woge, die so schmählich zurückgeschlagene, holte hilfs 
bereite Kameraden, und sie taten sich zusammen und 
rollten nun mit verstärkter Wucht auf Deich und Düne. 
Hölle und Teufel! Wo die Düne den Winkel 
macht, den stumpfen, da setzten sie ein, die Wellen. 
Wie mittelalterliche Belagerungswidder rammten sie 
den Sand, leckten und schleckten,' bohrten und wühlten, 
— und wie sie erst die Grasnarbe verschlungen, wie 
sie erst am bloßen, nackten Sande spülten, da verdop 
pelten sie ihre Wucht. Immer rasender, immer toller 
wüteten sie, dazu prasselte noch stechendscharfer Eis 
regen hernieder, dazu brüllte der Sturm und peitschte 
das Wasser zu größerer Wut, und jetzt, jetzt knackte und 
Besitz stirbt, 
Sippen sterben. 
Du selbst stirbst wie siel 
Eins aber weitz ich 
Das ewig lebt: 
Der Toten Tatenruhm! 
Ebda
	        

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