Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

er junge Fischer stand auf der Düne und schaute 
über Strand und Meer. In matten Kräuseln 
trieben die Wasser landwärts und der Wind war so 
schwach, daß die Motorhafenkutter alle in See ge 
gangen waren, die heimkehrenden Fischerboote, deren 
Segel vom flauen Winde schlaff am Maste hingen, 
ins Schlepptau zu nehmen und heimzuholen. Sieben 
seiner Boote waren draußen und würden heute reich 
lichen Fang heimbringen. Seede Bahlsen, der junge 
Fischer, war einer der Wohlhabendsten im Strand 
dorfe, und wenn erst das neuerbaute Haus neben dem 
Räucherschuppen auch inwendig fix und fertig sein 
würde, dann wollte er, Seede Bahlsen, die blauäugige 
Inge freien und sie zur Herrin des schönsten Hauses 
in Bidderow machen. Bis jetzt hatte er freilich noch 
nicht mit Inge Jasky über seine Zukunftspläne ge 
sprochen, aber Inge mußte es längst gefühlt haben, 
daß Seede's Herz warm für sie schlug. Der junge 
Fischer reckte und dehnte sich im Wohlgefühl seines 
kommenden Glücks, dann warf er sich in den Sand 
und überließ sich Zukunftsträumen. 
So traf ihn Inge Jasky, sie, der seine Träume 
galten. Sie trug ein ausgebessertes Netz über der 
Schulter, das sie zu Sigurd Wingloff schaffen wollte. 
Sie und ihre Mutter waren Netzflickerinnen, wohnten 
dicht neben dem Friedhof der Heimatlosen in einer 
kleinen, aber sauberen Hütte. Sie waren trotz ihrer 
Armut angesehen im Dörfchen und nährten sich durch 
fleißige, mühevolle Arbeit. 
Lächelnd stand Inge zu Häupten des Träumers, 
der sie nicht hatte kommen hören. Sie bückte sich, nahm 
eine Handvoll Sand und streute ihn Seede über den 
Kopf. Der rieb sich die Augen, wischte den Sand 
fort und pustete ein wenig mit den Lippen und ahnte 
nicht, wer ihn neckte. Da lachte Inge ein herz-helles 
Lachen. Er sprang auf, und als er in die fröhlichen, 
tiefblauen Augen Inges blickte, ward er verlegen und 
lachte mit, weil er nichts besseres zu tun wußte. Dann 
griff er nach dem Fischnetze, das Inge auf der Schul 
ter trug und sagte: „Ich trage Dir die Bürde, Inge. 
Zum Lohn läßt Du mich mit Dir gehen!" 
Sie überließ ihm das Netz, und so schritten sie 
selbander auf dem Dünenwege dahin. Sie waren zwei 
prächtige Gestalten voller Jugend und Kraft... Seede 
schwieg sich aus und Inge, die allzeit fröhliche, summte 
ein heiteres Liedchen vor sich hin. 
„Was singst Du da, Inge?!" 
„Ach, ein kleines Lied... kennst Du es nicht?" 
„Nein, Du weißt, so lange der finstere, ver 
schlossene Vater noch lebte, war jeder Sang bei uns im 
Hause verpönt, und nun bin ich wohl zu alt, noch ein 
Lied und Sang zu lernen." 
„Ei, seht einer den Greis!" lachte schelmisch das 
Mädchen. Darauf sagte der junge Fischer bedächtig: 
„Frohsinn ist mir lieber, als alles Geld der Welt. 
Wenn ich einen müßt', der mich Frohsinn lehrte!" 
Sie schwieg und er wartete... Und als sie noch 
immer schwieg, fragte er wichtig und mit Bedeutung: 
„Wüßtest Du keinen?" Sie sann und sann. Dann hub 
sie an und in ihren Augen blitzte es auf: „Einen wüßi 
ich nicht, wohl aber eine." 
Da blieb er stehen, Hoffnung und Erwartung 
trieben ihm das Blut in die Schläfe und er fragte 
hastig: „Sag, Inge, wer ist die eine?" 
„Es müßt' eine sein, die Dich lieb hat, Seede." 
„Ja, ja... Sprich doch... und die eine?!" 
„Ist Jukunde Vangerow." 
„Die Müllerstochter?!"... Verächtlich und ent 
täuscht kam es von seinen Lippen. 
„Ja, die... Seede. Sie liebt Dich... ich weiß es, 
und sie ist reich und ist fröhlich obendrein." 
Da hielt er nicht länger an sich... Er nahm ihre 
beiden Hände, zog sie an sich heran und merkte nicht, 
wie sie widerstrebte. Und hastig sagte er: „Was nützt 
mir Reichtum? Den hab' ich genug... Und ich will 
eine Fröhliche, die ich liebe, die ich schon seit vielen 
Jahren liebe... und diese Fröhliche bist Du." 
Und er sah das Erschrecken in ihren Augen, sah 
die Angst ihrer Seele, und wortlos, langsam senkte er 
seine Hände, die die ihren hielten. Und nun ließ er sie 
fallen und trat zurück... Sie sprachen kein Wort und 
doch wußte er, daß seine Hoffnung dahin... Er legte 
still ab und schritt, jetzt nicht mehr hehr und aufrecht, 
wie ehedem, davon... Und Inge holte tief Atem und 
sagte dann zu sich: „Das hab ich nicht gewußt." 
Als Seede heimkam, war der Seefang der letzten 
Fahrt schon heimgebracht und Peter Jnstedt, der alte 
Fischmeister Seedes, rieb sich die Hände und sagte zu 
seinem jungen Herrn: „Na, Herr Bahlsen, heut' sind 
wohl an die tausend Tälerchen hereingebracht und Sie 
sind wohl nicht dawider, wenn wir den Fischern heute 
ein übriges zum Lohne geben." 
„Tut, wie Ihr denkt, Jnstedt!" sagte müde Seede 
und ging davon. 
Seede Bahlsen
	        

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