Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

Der Sieger Heimkehr 
Gemälde von Franz v. Defregger 
Eine Erzählung aus dem Spreewald 
von Ewald Müller 
HXurch die hohen Baumhallen des nachtumwobenen 
Spreewaldes wandelt leise und geheimnisvoll die 
; Frühlingsgöttin Ostara. Die blaue Nacht hat ihr aus 
' Sternen eine funkelnde Krone gewoben, der Mond ihre 
; liebliche Gestalt in ein lichtsilberiges Schleiergewand 
gehüllt. Was die anmutige Lenzkönigin auch immer 
j mit schwebendem Fuße berührt, wo ihr weicher, linder 
: Atem die Zweige der Bäume und Sträucher umschmei 
chelt, überall steigen aus tausend verborgenen Winter 
grüften erwachende Blumen auf, fallen die Schuppen 
, von den leise sich hebenden Knospenaugen hernieder, 
n und verwunderte Blicke, noch halb verträumt, grüßen 
! selig die Erweckerin neuen Lebens. Die eisbefreiten Ge 
wässer jauchzen mit murmelndem Wellenmunde der 
Göttin Weihelieder entgegen, und auftauchende Wasser- 
> srauen schwingen schimmernde Nebelfahnen zum fest 
lichen Willkommen. Ueberall frohe Auferstehung der 
; Natur in der märchenhaften Osternachtdümmerung des 
l Spreewaldes! 
Auch das Herz der Spreewaldbewohner erbebt in 
s Andacht und Schauer, sobald die Osternacht ihren Ein- 
| zug in die altersgrauen, strohgedeckten Blockhäuser hält. 
| Die Witwe Lappan sitzt in ihrer durch eine Petroleum 
lampe erhellten Wohnstube am Tische und schlägt die 
dicke, alte Bibel zu, in der sie soeben die Auferstehungs 
geschichte des Heilands gelesen hat. Lange sinnt sie dem 
großen Wunder des Lebens und der Erlösung nach. 
Da tritt durch die Kammertür ihre jungfräuliche 
Tochter Jettka herein, ihr einziges Kind. Ein freudiges 
Leuchten gleitet über das Antlitz der noch rüstigen 
Mutter. Als sie Jettka näher betrachtet, bricht sie in 
ein helles Lachen aus. „Mädel, Du hast Dich ja groß 
artig vermummt. Eine Vogelscheuche kann nicht schlim 
mer aussehen als Du." 
„Das glaub' ich wohl, Mutter, man soll mich doch 
auch nicht erkennen, wenn ich zum Fließe gehe, um 
Osterwasser zu schöpfen. Mögen die Burschen denken, 
ich sei eine alte Hexe oder sonst eine Spukgestalt. So 
lassen sie sich abschrecken und werden mich beim Wasser 
holen gewiß nicht stören." Dabei langt sie von der oben 
an der Wand angebrachten Galerie, wo buntbemaltes 
Geschirr aller Art zur Schau gestellt ist, einen irdenen 
Krug herunter und säubert ihn vom Staube. 
Da werden außen eilige Schritte hörbar. Paula 
Kilko, mit einem Kruge in der Hand, fast genau wie 
Jettka verkleidet, tritt in das Zimmer, Jettka und ihre 
Osternachtzauber
	        

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