Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

schaftsbild hervor und verleihen ihm einen 
eigenen Reiz. Das Bild vergißt man so 
bald nicht wieder, noch dazu, wenn ein 
strahlender Sonnentag oder die unter 
gehende Sonne alles mit Licht über 
flutet. Das mag auch ein Grund ge 
wesen sein, daß unsere Germanen-Vor- 
fahren diesen Berg zu einem heiligen 
Berg erwählten und hier oben ihren 
Göttern opferten. Wer an stillen Tagen 
auf den zerfallenen Mauern des Hei- 
ligcnberggipfels fitzt, versonnen hinunter 
schaut auf die Zinnen der Felsburg oder 
der Altenburg, wer den Blick schweifen 
läßt bis zur Steinpyramide des Her 
kules. zum Hessenturm bei Niedenstein, 
in dessen Nähe das alte Mattium liegt, 
das Stammland der Chatten, wer am 
5)orizont die Höhenzüge des Waldecker 
Berglandes verfolgt und zur Rechten 
den 'Kellerwald, davor die ewig rauchen 
den Schlote des Kraftwerks Borken, der 
vermeint plötzlich ein Hämmern im Berg, 
im Heiligenberg, zu hören. — Sind es 
die Berggeister, die hier ihr Wesen trei 
ben V Doch was ragt rechts am Nord 
abhang des Berges seit diesem Fahr 
für ein Schornstein zum Gipfel empor 
und kann ihn doch längst und niemals 
erreichen? Richtig, hier ist ja ein Braun 
kohlenwerk, die Zeche Heiligenberg, die 
eine ganz vorzügliche Kohle liefert, so 
wohl für den Küchenherd als auch 
jede andere Feuerstelle. Da vorn ist 
auch die Drahtseilbahn, auf der unaufhörlich 
die Kipper zu Tal und zur Höhe schweben. 
Da pulst neues Leben: unten am Gensunger Bahn 
hof fährt gerade ein Braunkohlenzug vom Kohlen 
bunker atst Lastwagen und Fuhrwerke stehen unter 
den Schurren. Noch einen letzten Blick werfe ich 
hinunter ins schöne Eddertal, dann treibt es mich 
hinab zur Stätte emsiger Arbeit: jetzt möchte ich 
gern wissen, wo und wie die Braunkohle im Hei 
ligenberg gewonnen wird. Vorläufig, während ich 
die Basalthänge des Berges hinuntersteige, kann 
ich mir noch nicht vorstellen, daß der Heiligenberg 
im Innern nicht auch aus Basalt, sondern sogar 
teilweise aus Braunkohle bestehen soll. Doch eines 
Tages sollte ich mich durch das freundliche Entgegen 
kommen des Direktors der Zeche, Bergwcrksdirektor 
Krahl, von allem überzeugen. Dann ging es 
mit noch anderen „Neugierigen" 1200 Meter hin 
ein in den Heiligenberg. Doch bevor wir die Fahrt 
antreten, fei eine kurze geologische und geschichtliche 
Uebersicht über die Zeche Heiligenberg vorangeschickt. 
Der Bergbau am Heiligenberg kann bereits auf 
eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblicken. 
Geologisch gehört die Braunkohle des Heiligenbergs 
der oberen Stufe des Tertiärs — dem' Miozän — 
an. Vorhanden sind 4 Flöze mit einer Gesamt- 
müchtigkeit von 10—12 Metern, von denen zunächst 
die Flöze 1 und 2, die durch ein 3—4 Meter mäch 
tiges tonig-sandiges Mittel getrennt sind, abgebaut 
werden. Die Flöze 3 und 4' sind bisher noch nicht 
erschlossen: sie stellen jedoch für spätere Zeiten eine 
wertvolle Kohlenreserve dar, sodaß der Kohlenvorrat 
der Grube für Generationen sichergestellt ist. 
Der frühere Präsident der Geologischen Landes 
anstalt, Professor Dr. Beyschlag, der das Blatt Gen 
Ieche Heiligenberg. 
Ausfahrt der Grubenbahn aus dem Oskar-Stollen. 
sungen geologisch persönlich bearbeitet hat, bezeich 
net das Braun ko h len- Vor kommen am 
Heiligenberg als eines der besten von 
Hessen. 
Nach den alten Akten aus der kurhessischen Zeit 
wurde schon im 18. Jahrhundert vom Kurhessischen 
Staat am Heiligenberg Bergbau betrieben: jedoch 
etwa vom Fahre '1830 ab waren die Bergwerkseigen 
tümer Privatleute. 
Die alten Grubenbaue lagen in der Nähe der 
Karthause, dem Vorwerk der Domäne Mittelhof. 
Für die Lösung der einzelnen Flöze waren drei 
Stollen vorgetrieben: außerdem sind noch in der 
Nähe von Beuern Stollenreste und Pingen festzu 
stellen. 
Seit dem Fahre 1870 hat die Hessische Berg- 
bau-G. m. b. H. in der Nähe der jetzigen An 
lage an der Straße Gensungen—Heßlar Stollen zur 
Lösung von Flöz I und II vorgetrieben. 
F m Fahre 1914 ü b e r n a hme n die 
Braunkohlenwerke Müncheberg die 
Zeche Heiligenberg. 
Nach den Kriegsjahren ließ die Verwaltung 
einen neuen Stollen auffahren und diesen syste 
matisch mit starken Betonformsteinen ausbauen, 
sodaß er dem Gebirgsdruck auf lange Fahre hinaus 
standhalten kann; er hat inzwischen eine Länge von 
1200 Meter erreicht. 2m Fahre 1928 wurde zur 
Sicherung der Wetterführung ein Schacht von 105 
Meter' Tiefe hergestellt. Der Schacht liegt in der 
Nähe der bekannten Heiligenbergwiese und ist durch 
Bretterwände abgeschlagen. 
Die gelösten Flöze I und II, in denen der Berg 
bau umgeht, liegen oberhalb der Stollensohle und 
sind mit dieser durch Fahrschächte und Rollöcher
	        

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