Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

dieser Kundgebung. Reichen Inhalt an Kunstschätzen 
boten auch das Grand Palais mit zahlreichen Pla 
stiken und das Petit Palais auch mit Gemälden, 
worunter ich auch große Oelgemälde aus der deut 
schen Geschichte fand. Im weiteren Verlauf meines 
Pariser Aufenthaltes kam ich noch an das „Elysee", 
das Residenzschloß des französischen Staatspräsiden 
ten, wo ich mit einem wachhabenden Sergeanten na 
türlich französisch sprach und ihm deutsche Zigarren 
gab, die ich als unentwegter Nichtraucher für solche 
Zwecke bei mir hatte; er gab mir bereitwilligst Aus 
kunft. Ferner sah ich den Triumphbogen am Place 
de L'Etoile im Zuge der „Grande Armee Triomphe 
Avenue", den beim Einzug der deutschen Truppen 
in Paris 1871, der mir, wie schon erwähnt, persön 
lich bekannte einstige Leutnant v. Bernhardt vom 
2. Hessischen Husaren-Regiment Nr. 14 in Kassel 
trotz seiner französischen Versperrung durch Verhaue 
durchritt, indem er über die Sperre hinwegsetzte. 
Weiterhin sah ich mir noch die Stadt an, kam 
z. B. an den Quai d'Orsay, wo das französische 
Außenministerium ist, in die nach dem französischen 
Führer im amerikanischen Unabhängigkeitskriege be 
nannte Rue Lafayette. über Boulevard de Se- 
bastepol (nach dem im Krimkrieg von 1853/56 fran 
zösisch-englischen Sturm auf die russische Festung 
benannt), wo gerade eine Eskadron Kürassiere durch- 
marschierte und Boulevard de Strasbourg. Letztere 
Benennung zeigt deutlich, daß es keine französische 
Benennung für das alte deutsche Siraßburg gibt. 
Nachdem ich genug Pariser Eindrücke erhalten 
hatte, trat ich die Rückreise an. Die Lebensweise 
in Paris war natürlich anders als wir sie gewöhnt 
sind, man kann selbstverständlich auch Geld dort 
los werden, aber wenn man seine Mittel zusammen 
hält, so kann man auch billig leben. Als ich vor 
Abgang meines Zuges nach der vielen Limonade bei 
der Hochsommerhitze auf dem Gare du Nord (Nord- 
bahnhof- noch 2 Glas Pilsener Bier trank, kosteten 
diese je 1 Franc — 80 Pfg. — 2 Francs, da ich 
aber keine Francs mehr hatte und nicht mehr wech 
seln wollte, so war der Kellner (garyon) so freund 
lich, 2 Silbermark dafür zu nehmen, die ich zahlte 
und dachte, „wir Wilden sind doch bessere Men 
schen", denn bei uns kostete damals ein Glas Bier 
kaum den sechsten Teil. Ich hätte ja damals auch 
Wein trinken können, aber der Deutsche ist nun mal 
an Bier gewöhnt, obgleich heutzutage auch in 
Deutschland der Wein im Rheingebiet oft billiger 
ist als Bier. Die Rückfahrt ging durch Belgien 
wieder an den deutschen Rhein und bald war ich 
wieder am Teutoburgerwalde, wo einst im Jahre 
9 n. Chr. die alten Deutschen unter des Cheruskers 
Hermann Führung das welsche Joch abschüttelten 
und mit der Vernichtung der Varuslegionen die 
Freiheit Deutschlands begründeten. Von Horn, wo ich 
meinen Bekannten Weweler, einen Bruder des „Dorn- 
röschen"-Komponisten traf, mit den berühmten, kul 
turgeschichtlich interessanten Externsteinen und Det 
mold, wo ich mit Hoflieferant Friedrich Pieper die 
Teutoburgerwaldfahrt nach dem Regenteneinzug mit 
noch 3 Herren 1897 mitgemacht hatte, kam ich nach 
Bad Driburg, wo ich den Kgl. Amtmann und Bür 
germeister von der Forst kannte, auch schon ältere 
Bekanntschaft mit dem Kaufmann und Vizebürger 
meister Anton Struck geb. aus Lüchtringen und den 
Kaufleuten und Glashüttenbesitzern Seidensticker und 
Münstermann hatte und als Mitglied dem „Inter 
nationalen Touristenklub Siebenstern" für die Kreise 
Marburg und Höxter, dem Glashüttenbesitzer und 
Paderborner 8. Husarenrittmeister Becker vorstand, 
seit Jahren angehörte. 
Bald kam ich im weiteren Verlauf der Reise 
auch wieder nach Hessen und hierher nach Mel 
sungen, wo die alten Beziehungen aufgefrischt und 
heimische Eigenart immer neu befestigt wurde, wo 
durch ich stets mit der Hessenheimat verbunden blieb. 
Ich traf alte Freunde und Schulkameraden wieder 
und war stets glücklich, wenn ich hier sein konnte, 
wo ich einst so ungebunden umhergestreift war. Ich 
konnte dann feststellen, daß es bei dem alten 
Stamm der Ortsbewohner immer noch nach der 
alten Mode ging, daß die alten Ackerbürger neben 
ihrem Gewerbe immer noch ihr altes kleines Erb 
gut von 5—8 Ackern bestellten, mit ein oder zwei 
Kühen oder einem Pferd und einer Kuh oder die 
Stadtbauern auch mit zwei bis vier Pferden oder 
Ochsen, ihre an den umliegenden Berghängen viel 
fach beschwerlich zu erreichenden Felder mit Dün 
ger versorgten, die Handwerker noch wirklich mit der 
Hand ihr Werk verrichteten, da Kraftbetrieb dafür 
nicht in Frage kam. der Schlosser noch „Schlösser" 
machte, die später Fabriken lieferten, und manches 
Handwerk noch bestand, das nun längst erloschen 
ist, wie die Käsereien der alten Küfer Pfankuch 
und Ellinger, später auch Reimold, außerdem Hein 
rich Wittig. Die alte, inzwischen wieder aufgelebte 
Seilerei bestand noch bei Seiler Siemon in der 
Totengasse und wie einst der alte an der oberen 
Ecke Eisfeld-Fritzlarerstraße, in dem später abge 
brannten Hause wohnende Seiler Jäger, früher in 
der Allee auf dem Sand und später am Eulenturm 
seine Stricke in den aufgestellten Rechen drehte 
und außer den alten Sattlern Wöstyn und Siemon, 
Kasselerstr., später auch Friedr. Wilh. Stützet aus 
Oberellen (Sachs.-Meiningen), Fritzlarerstr., der große 
Sattler Giese mit dem gestickten Käppchen in dem un 
teren Doppelhause Ecke Obere Steingasse-Brücken- 
straße (die obere Hälfte gehörte dem Kaufmann 
Nathan Stern und die untere dem Metzgermeister 
Valentin Margraf), arbeitete und seine Peitschen an 
einer Eisenstange mit Seitenhaken als Wahrzeichen 
aushing. Auch die Knaben trieben es noch wie 
früher, longschten mit Wackeln, spielten je nach 
der Jahreszeit Schlagball, machten Flitzbogen und 
Schilfpfeile dazu mit ausgehöhlten Holundermark 
köpfen oder gar den gefährlichen eisernen Nagel 
orten, mit denen in Bäume und Türen geschossen 
wurde, fertigten aus hohlgemachten Holunderröhren, 
durch Einsatz von gebogenem Fischbein oder Stahl 
band Schiehbüchsen, und fanden, wenn es auch 
wochenlang nicht geregnet hatte und weit und breit 
keinen „Knetsch und Preppel" mehr gab, immer noch 
welchen, um mit entsprechend „sauberen" Schuhen 
nachhause zu kommen. Auch wurden die Ginsel oder 
Willerchen (mit der alen Wullegans) noch im 
grienen Kerbchen „off de Ossenwesse jebroocht oder 
jetrewwen" und „mänche aale Heckegans on mün- 
cher Brllttgähnser" konnten ihre Nachkommenschaft 
als vielfache Urgroßeltern beschützen. Ebenso mußte 
„off de Hinkel oder Glickerchen offgebaßt währen, 
onn die Fläscherchen onn de Täscherchen durfte me 
net vergessen". Auch Oppermanns Schorsche, der 
wie einst so manchmal längst „de lahngen Stew- 
welen zum leßten mooh üßgedonzen hott", erwähne 
ich nochmals. Er sollte an Frau Georg Worst, 
Auguste geb. Wollenhaupt, seine Gans liefern, er 
klärte aber, der Schattengähnzer muß öh ftärwen,
	        

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