Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

fließenden Ablaufbach des kleineren, aber noch wil 
deren, kreisrunden, von kraterartigen fast senkrech 
ten, teils waldigen, teils kahlen Felswänden um 
gebenen Obersees an. Einige ebenfalls erschienene 
„Talschleichen" betasteten schleunigst mein vereistes 
vchneestück, das unter diesem verstärkten Tau- 
ivetter noch schneller als Butter an der Sonne da- 
tjinfchmolz, um sagen zu können, sie seien im Funi 
bis an den Firnschnee gekommen. Die richtigen 
Alpinisten unterscheiden nämlich sehr deutlich die 
eigentlichen „Bergkraxler" und „Hochgebirgs-Gipfel- 
bcsteiger" von den „Fochfinken", die nur die Ge- 
birgskämme bewandern und den „Talschleichen", die 
auf dem breiten Wege des Tales ihre Straße 
ziehen. Seitdem man allerdings die 4000 Meter 
hohe „Jungfrau" im Berner Oberland in der 
Schweiz bequem mit der Zahnradbahn auf 3600 
Meter besteigen kann, ist auch dieser Nimbus etwas 
geschwunden. Solche Berge werden dann von den 
Bergkraxlern mit Verachtung gemieden und über 
lassen sie deren „Besteigung" den „Salontyrolern". 
- Neuerdings kann auch die deutsche fast 3000 Me 
ter hohe Zugspitze mit Seilbahn von Tyrol aus 
Biegen werden; außerdem mit Zahnradbahn von 
Bayern aus. — Von einer kleinen Baumgruppe mit 
Bank aus betrachteten wir die erhabene Größe die 
ser stillen Bergwelt am Obersee und traten dann 
dm Rückweg an, der wegen der Länge des Was 
serweges auf dem Königssee mehrere Stunden Ru 
derzeit in Anspruch nahm. Das war ja der große 
Borzug dieser motorlosen Fahrten, daß man in viel 
größerer Ruhe die mächtige Natur dieser Berg- 
einsamkeit auf sich wirken lassen konnte. Außer 
dem waren durch diese Bootfahrten zahlreiche ur- 
loüchsig-freundliche Berg-Bewohner nutzbringend be 
schäftigt und die Gäste hatten viel mehr Zeit auch 
siir den Besuch der Gaststätten, deren Vorzüge sie in 
stiller Beschaulichkeit genießen konnten; denn das 
gehört auch zur Kunst des Reifens, daß nach Auf 
rahme so vieler Eindrücke noch unter der unmittel 
baren Einwirkung des Gesehenen bleibende Erinne 
rungen geschaffen werden. Wir kehrten dann nach 
Salzburg zurück und bewunderten erst wieder seine 
äußeren Schönheiten, die auch von dem nahen 1286 
Meter hohen, durch Bergbahn zu erreichenden Gais- 
berg übersichtlich zu betrachten sind. 
Der nächste Ausflug galt dem so vielgestaltigen 
österreichischen Salzuammergut mit seinen wunder 
schönen Seen, deren nächster der Mondsee ist, dann 
ber Attersee, der Traunsee mit dem Schloß des 
bis 1866 letzten einstigen Kronprinzen von Han 
nover, Herzogs von Kumberland, in Gmunden, und 
ber liebliche Sankt Wolfgangsee unter dem Schaf 
berg, wo blaue deutsche Älpenveilchen wild wachsen. 
3n Sankt Wolfgang spielte das damals in Berlin 
viel aufgeführte Lustspiel „Fm weißen Rößl" von 
Blumenthal und Kadelburg, dessen Hauptpersonen 
„die dralle Wirtin" Iosepha Vogelhuber, derZahl- 
bellner Leopold, der Privatgelehrte mit seinem lis 
pelnden Töchterchen Klärchen, der bei jedem Ein- 
ivurf eines Zehnernickels in die Sparbüchse sagte: 
„Wieder ein Kilometer, ja das ist der Reisezauber", 
und der Berliner Fabrikant Gieseke, der sogleich 
nach dem Verlassen des Sankt Wolfgang-Dampfer- 
chms als erstes fragte: „Hamse Aale?", grade als 
wenn er eben in Schildhorn an der Havel ange 
kommen wäre, und das alles in der gemütlich 
österreichischen und witzig berlinischen Mundart mit 
köstlichem Humor, lebendig vorgebracht, mir noch 
in deutlicher Erinnerung sind. Nach der sehr natur 
getreuen Bühnenausstattung erkannte ich die Land 
schaft sofort wieder, als wir von Sankt Gilgen 
aus bis Strobl am See entlang kamen, und in 
dem berühmten Salzbad Ischl an der Traun, einem 
Lieblingsaufenthalt des Kaisers Franz Joseph I. 
von Oesterreich, im Gasthof zum Ochsen Wohnung 
nahmen. Dieser idyllische Ort ist wirklich zu län 
gerem Aufenthalt geeignet, aber das war ja nicht 
der Zweck der Reise. Nachdem wir die Anlagen 
besucht hatten, benutzten wir die folgenden Tage 
zu einer Wanderung traunaufwärts über Laufen, 
Goisern und Steg zu dem am Fuße des mit Eis 
feldern bedeckten rund 3000 Meter hohen Dachsteins 
ruhenden Hallstättersees. Hallstatt, außer seiner 
blendenden Lage, bekannt durch die vorgeschichtliche 
Periode der Hallstatter Zeit mit dem Hallstatter 
Menschen und der Dachstein durch das Steierer 
Volkslied „Hoch vom Dachstein an, wo der Aar 
noch haust, bis zum Wendenland am Bett der Sav", 
volkstümlich, übten eine große Anziehungskraft auf 
mich aus. Am Ortseingang, nachdem wir an der 
Gofaumühle eine vom Gosaubach herabgewälzte, aus 
großen vom Wildwasser rundgeschliffenen Blöcken 
bestehende wüste Geröllmasse überschritten halten, 
bot sich ein prachtvoller Blick von einem Brunnen 
aus auf das seitwärts vom See aus am Steilhang 
aufsteigende Hallstatt, das mit dem schlanken Turm 
der neueren evangelischen Kirche auf dem Seevor 
land, dem wuchtigen Bau der alten Kirche mit 
kleinem Türmchen, am Hang den Ort überragend 
und dem über die steilen Felsen herabstürzenden 
Mühlbachfall einen ganz entzückenden Eindruck 
macht. Wir gingen zum Gasthof Seeauer am Ge 
stade, wo wir Rast machten und den wundervollen 
Blick über den weiten See genossen. Die Um 
gebung bietet auch sehr viel, in einem Seitentälchen 
ist der Waldbachstrub und seitwärts vom Dachstein 
geht es nach Aussee und dem vordersten Teil der 
grün-weißen Steiermark mit dem Grundlsee. — 
Wir fuhren mit einem Boot über den herrlichen 
Hallstattersee, wobei wir eine wundervolle Rund 
sicht hatten und traten dann die Rückreise nach 
Ischl an. besuchten nochmals Salzburg, um dann 
auf bayrischen Boden zurückzukehren. Mein nächstes 
Ziel war der Chiemsee, wo ich grade am Todestage 
des Königs Ludwig II., dieses so unglücklichen, 
kunstbegeisterten Romantikers auf Bayerns Thron, 
am 13. Juni eintraf (er starb 1886). An diesem 
Tage waren alle bayrischen Königsschlösser für 
Besichtigungen geschlossen und ich blieb daher auf 
der äußerst malerischen Insel Frauenwörth im Gast 
hof, wo ich eine Künstlerklause fand und nach 
einer schönen Bootsfahrt bei Wetterleuchten auf dem 
fischreichen See zu der als Gemüsegarten dienen 
den Krautinsel, einen unerwartet schönen Abend in 
angenehmster Gesellschaft verbrachte, die sich auch 
am anderen Tage zu meiner Freude nochmals ein 
fand. Die Insel trägt ein kleines Fischerdörfchen 
und aus Herzog Tassilos Zeiten ein Frauenkloster, 
in dessen Kirche ich am folgenden Fronleichnamstag 
dem Gottesdienst der zahlreichen Klosterfrauen bei 
wohnte. Am Portal beim kleinen Friedhof fielen 
mir noch die mit Löwenköpfen gezierten verwitterten 
Steinpfeiler der ersten Gründung (766) auf; danach 
umwanderte ich die langgestreckte Insel, sah bei den 
einzelnen Häuschen ausgespannte Fischnetze und 
fuhr dann zur größeren Insel Herrenwörth hinüber, 
die außer dem alten Schloß mit Gasthof und
	        

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