Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

nach endlicher Erreichung der Zwischenstation Wiet 
stock kam ich aber doch noch mit großer Verspätung 
ans Ziel, da auch die Bahnzüge große Verspä 
tungen durch den Schneesturm hatten. Der Postil 
lon meinte, als ich ihn auf die mögliche Anschlußver- 
passung aufmerksam machte, ganz trocken und breit 
Hinterpommersch gemütlich: „no dann fahrense eben 
wieder mit zurück nach Gülzow und fahren morgen 
weiter." Eile kannte man da oben nicht. 
Dann kam die Jahreswende mit dem Wechsel der 
Iahrhundertzahl, die mit den höfischen Neujahrs 
empfängen auch äußerlich der Schaulust in Berlin 
günstige Gelegenheiten boten, wobei der parade- 
mäßige Truppenaufmarsch und der Gang des Kai 
sers mit den 6 kaiserlichen Prinzen und' der Gene 
ralität vom Schloß zum Lichthof des Zeughauses 
ein Kernstück bildete. Auch das Ordensfest des 
Hohen Ordens vom Schwarzen Adler am 17. Ja 
nuar war eine große höfische Veranstaltung. An 
schließend kam wieder die parlamentarische Zeit mit 
der feierlichen Reichstags- und Landtagseröffnung 
und Verlesung der Thronrede im Weißen Saale 
des Schlosses, meist durch S.M. den Kaiser und 
König persönlich, umgeben von den höchsten Wür 
denträgern des Reiches und Staates, mit anschlie 
ßendem Festgottesdienst in der evangelischen Schloß 
kapelle und der neben Kaiser Wilhelms I. Palais 
stehenden katholischen St. Hedwigskirche, dazu die 
feierliche Auffahrt der Teilnehmer mit höfischem 
Gepränge, wozu sich natürlich stets große Scharen 
von Schaulustigen einfanden, die durch den Auf 
marsch der Schloßwache mit voller Regimentsmusik 
noch besonders gefesselt wurden. Während der Zeit 
traf ich dann häufig mit meinem Pater und seinen 
Landtags-Kollegen zusammen, besuchte die militä 
rischen Winterveranstaltungen in der Landwehr-In 
spektion in der General Papestraße, die regel 
mäßigen Regimentsabende im Spatenbräu, Kaiser 
hotel und im Heidelberger und Zusammenkünfte 
mit den in Berlin anwesenden Regimentskame 
raden, den Villersexeltag des Regiments (9. 1. 1871) 
zur Erinnerung an seine Kämpfe im Werderschen 
Korps an der Lisainc zwischen Belfort und Be- 
sanpon im Winterfeldzug 1870/71. Dem Billersexel- 
abend präsidierte General der Infanterie Exzellenz 
Freiherr von Gayl, 1870 Regimentsadjutant, später 
im Generalstab des Gardekorps und General in der 
I. Armeeinspektion: außerdem waren stets frühere 
Kommandeure und Offiziere des Regiments anwe 
send, so General von Zollikofer-Altenklingen (einst 
Kaiser Franz-Garde-Regiment), der 1888 dieLützo- 
wer von Straßburg/Elsaß nach Rastatt führte, 
Oberst von Glasenapp (einst auch Jäger 11. und 
F.-Regt. Worms 118), Oberst Neumann (alter 25er 
und Kommandeur I.-R. 62 Kosel, später General), 
Oberst Galli, Oberst Stiebitz, Oberstleutnant Zim- 
mer-Borhaus, Major Hertel (1870/71 Führer der 
II. Kompagnie), der bei Billersexel durch einen 
wichtigen Brückenübergang besondere Anerkennung 
erwarb und die zum Generalstab, der Kriegsaka 
demie, Militär-Turnanstalt und anderen Komman 
dos nach Berlin kommandierten Offiziere des Re 
giments und mit mir noch einige meiner Kame 
raden, wie Bizekonsul Weber vom Auswärtigen 
Amt. Besonders war ich regelmäßig zusammen mit 
Oberleutnant Burchhardi (Karl), der nach seiner 
Bataillons-Adjutantur 6 Fahre zur Kriegsakademie 
und zur trigonometrischen Abteilung des großen 
Gmeralstabs nach Berlin kommandiert, 1901 in Ra 
statt als Oberleutnant mit mir in der 11. Kom 
pagnie 25er war, dann darin mein Kompagnie- 
Chef wurde, später in Hannover lebte, wo er einst 
Kriegsschullehrer war, nachdem er vorher als Er 
zieher an der Hauptkadettenanstalt Großlichterfelde 
wirkte, zuletzt Kommandeur der schlesischen Moltke- 
Füsiliere Nr. 38 wurde und 1933 als Oberst a. D. 
in Potsdam starb. Sein Bruder Theodor Burch 
hardi war aktiver Leutnant, später Hauptmann der 
Reserve bei uns Llltzowern und dann Intendanturrat 
bei der Garde, im 11. Korps und bei der Deut 
schen Militär-Mission des Generals Liman von 
Sanders vor dem Weltkriege 1913 in Konstan 
tinopel. 
Einen sehr interessanten Abend hatte ich auch 
im Spatenbräu, als unser ehemaliger Kommandie 
render General Exzellenz von Schlichting, der un 
ser Regiment besonders schätzte, früher Chef des Ge 
neralstabes des Gardekorps und Kommandeur der 
1. Gardedivision war, in Berlin die ortsamvesenden 
Offiziere seines alten badisch-oberelsässischen XIV. 
Armeekorps (28., 29. und 39. Division) zu sehen 
wünschte. Ich wurde auch eingeladen, und die Hälfte 
der etwa 20 Erschienenen waren Lützower. General 
von Schlichting sprach auch mit mir und drückte 
seine Freude über die vielen Lützower aus. Es ent 
wickelte sich eine sehr interessante Unterhaltung, an 
der auch der mir gegenübersitzende Oberst von 
Bernhardt, der Chef der kriegsgeschichtlichen Abtei 
lung des Großen Generalstabes, die einst auch 
Generalfeldmarschall Gottlieb Graf Häseler und 
Generalfeldmarschall von Hindenburg leiteten, leb 
haft teilnahm: er (v. B.) war der Kasseler 14er 
hessische Husaren Leutnant, der 1871 beim Einzug 
in Paris als erster das den Durchmarsch der deut 
schen Truppen störende Hindernis im Triumphbogen 
einfach überritt. 
Am 27. Januar zu Kaisers Geburtstag war wie 
alljährlich eine Feier, zu der wir in Uniform er 
schienen. Im Laufe des Frühjahrs wurden wieder 
die beruflichen Reisen erledigt, bei denen wie immer 
auch das liebe Hessenland besucht wurde, die übrige 
Zeit war dann der Tätigkeit in Berlin gewidmet. 
Am 6. Mai 1900 wurde der Kronprinz Wilhelm 
18 Jahre alt und großjährig. Es gab große Fest 
lichkeiten, wozu sein Pate, der Kaiser und König 
Franz Joseph I. von Oesterreich-Ungarn, nach Ber 
lin kam und zur Vermeidung der an den Anhalter 
und Potsdamer-Bahnhof angrenzenden, für ihn 
schmerzliche Erinnerungen an 1860 bergenden „Kö- 
niggrätzerstraße" vom Bahnhof am Potsdamerplatz 
sofort um die Cafe Iosty-Ecke herum durch die 
Bellevuestraße, Siegesallee, Brandenburgertor, Un 
ter den Linden zur Stadt fahren mußte. Bei solchen 
Anlässen war es üblich, für uns in Uniform zu 
erscheinen und mußte ich vor Kaiser Franz Joseph 
in der Charlottenburger Chaussee im Tiergarten, als 
er aus Charlottenburg zurückkehrte, nahe dem Bran 
denburger Tor als Lützower Offizier in Uniform 
Front machen, als er in der Uniform seines preußi 
schen Kaiser Franz-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2 
im offenen Wagen an mir vorüberfuhr und mich 
militärisch grüßte, der Straßenteil war sonst men 
schenleer. 
Bon anderen fremden Fürsten habe ich in Berlin 
noch gesehen den König Viktor Emanuel III. von 
Italien, als er durch die Siegesallee fahrend, durch 
fortwährende rasche Kopfwendungen die vom Kaiser 
Wilhelm ll. errichteten Marmordenkmäler der von
	        

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