Volltext: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

hochkamen. Unsere Gesichter hatten zwar auch schon 
eine mehr oder weniger gelblichmeergrüne Färbung 
angenommen, aber wir hielten stand bis uns der 
Ruf: Helgoland in Sicht! aufmunterte. Ich glaube, 
cs war die höchste Zeit, und unwillkürlich dachte 
ich an die Amerikaentdeckung des Christoph Kolum 
bus, als ihm der Steuermann sagte: „Wenn jetzt 
nicht die Küste sich zeigen will, dann seid ihr ein 
Opfer der Wut", denn wir wären vermutlich bald 
ein Opfer — der Wut, allerdings der — Elemente 
geworden. Fetzt aber „schrie es und donnert es 
Land", alle Ferngläser wurden auf den fernen 
Streifen am Horizont gerichtet, den wir mit den 
Augen schneller herbeiziehen wollten. Rasch näherten 
wir uns nun dem ersehnten Felseneiland mit seiner 
2000 Meter entfernten Sanddüne als Badeinsel und 
bald lagen wir — im Hafen. Bon Bord aus suchten 
wir die vermutete Landungsbücke, o diese Täu 
schung, keine Spur davon war vorhanden, unsere 
„Nixe" warf in einiger Entfernung von der Küste 
Anker, vom Ufer stießen Boote ab, die an uns 
herankamen und von den stürmischen Wogen auf 
einem Wellenberge zu uns in Bordhöhe des Damp 
fers hinausgeschaukelt wurden, um im nächsten 
Augenblick 'wieder mehrere Meter tief in einem 
Wellental zu versinken. Dieses Gaukelspiel wieder 
holte sich ununterbrochen und mußten wir uns damit 
abfinden. Hafenmolen oder Landungssteg gab es 
nicht. Wir' wurden von der Schiffsmannschaft 
freundlichst aufgefordert, den Augenblick zu erhaschen 
und beim Hochkommen eines Bootes hineinzusprin 
gen. was wir dann auch abwechselnd zwischen Wel 
lenberg und Wellental taten bis das Boot abfuhr. 
Zahlreiche Fahrgäste mußten aber wegen der See 
krankheit auf die Ausbootung verzichten und an 
Bord bleiben, sie lagen in den Kabinen und fuh 
ren ohne die Fasel gesehen zu haben wieder heim. 
Ebenso ging es aber dem von Hamburg in 7—8stün- 
diger Fahrt gekommenen Dampfer „Cobra", dessen 
Fahrgäste auch ohne die Fasel betreten zu haben 
heimfahren mußten, da sie wohl wegen der Länge 
der Fahrt, der Verspätung infolge der Windstärke, 
und der Lage der Ebbe und Flut sonst nicht mehr 
ungestört und rechtzeitig Elbstromaufwärts fahren 
konnten. Als wir Nixesahrgäste ausgebootet wur 
den. hatten sich schon frühere Fnsel-Nixen und 
-Recks eingefunden und die berühmte und berüch 
tigte Lästerallee gebildet, die vor uns Neu-Ankömm- 
lingen die Schale ihres Spottes ausgossen und 
neckisch, wie sie nun mal waren, sich über die Blaß 
gesichter lustig machten. So war ich denn nun auf 
der 9 Jahre vorher (10. 8. 1890) dem deutschen 
Baterlande aus englischem, vorher bis 1807 dänischem 
Besitz zurückgegebenen nur 0,29 Quadratkilometer 
umfassenden, damals etwa 2000 Einwohner zählen 
den kleinen Nordseeinsel, die der Rest einer früher, 
noch im letzten Fahrtausend viel größeren Fnselfläche 
mit Ortschaften und Kirchen, einem Kloster und so 
gar römischen Tempeln des Mars, Jupiter und der 
Besta, darstellt, die im Laufe der Zeiten durch 
Sturmfluten, wie noch vor 6—7 Fahren und neuer 
dings Felsunterwaschungen und Einstürze den ewig 
nagenden Meereswogen zum Opfer gefallen und ver 
mutlich aucl^ durch Senkung des Meeresspiegels, wie 
bei den nahen holländisch-friesischen Küsten, unter 
gegangen ist. Nach M. Reymond soll die Fnsel 
laut einer alten Kartenskizze zur Karolingerzeit vor 
1100 Fahren 10—12mal so lang und breit gewesen 
sein und Laubwald mit Bächen aufgewiesen haben. 
Ich wanderte erst durch das schmale, „Unterland" 
genannte flache Borland, das die eine Hälfte des 
Städtchens trägt, und wo viele Kurgäste unterge 
bracht sind, dann den Zickzackweg an den senk 
rechten roten Felsen hinauf zum „Oberland", das 
sich 63 Meter über den Meeresspiegel erhebt und 
zu dem auch ein Personenaufzug hinaufführte. An 
dem Stufenaufgang war der Gasthof Märkischer 
Hof, der stark besetzt war, ich wanderte daher durch 
die Oberstadt, wo ich in einer stillen Straße ein 
Gasthaus mit Vorgarten und „dem Baum" fand, 
ich habe nämlich nur diesen Baum auf der Insel 
gefunden. Als Mittagessen bekam ich 1 Dutzend 
Helgoländer Austern zu 2,40 Mark (in Berlin 
konnte man sie für 1,20 Mark haben), und dazu 
noch einigen Füllstoff, der auch ziemlich teuer war, 
da ja alles erst auf die Insel gebracht werden 
mußte und Konkurrenz kaum zu befürchten war. 
Dann ging ich nach der Mitte der Insel zu dem 
Denkstein zur Erinnerung an die Uebernahme der 
Fnsel durch Kaiser Wilhelm II. am 10. 8. 1890, 
bis zu welchem Tage der Union Pack, die rote 
englische Flagge mit Gösch aus stehendem und lie 
gendem roten Kreuz in blauem Felde vom Flaggen 
maste aus dem Oberlande wehte (die englische Kriegs 
flagge ist ein stehendes rotes Kreuz in weißem 
Felde mit Gösch). An dem Tage flatterte die deut 
sche Flagge schwarz-weiß-rot neben der englischen 
bis abends, wonach diese eingezogen wurde und der 
englische Gouverneur die Fnsel verließ. Von da 
oben übersah ich die als Hochebene wirkende mit 
Gras bewachsene flache Inselfläche in ganzem Um 
fange. nur einige weidende Schafe sah ich außer den 
Gebäuden. Dann wanderte ich an der vielfach durch 
leichte Zäune, als Schutz gegen Personenabsturz, ge 
sicherten Felsenkante entlang zu der auf der Nord 
westspitze der Fnsel liegenden „Giftbude", wo man 
die Felszerbröckelung besonders beobachtet und von 
da an der Hochkante der Ostküste her zur Süd 
westecke, wobei ich Gelegenheit hatte, auch Befesti 
gungen (1899, zu sehen. Schutzmauern und Wellen 
brecher waren noch nicht vorhanden. Die vor dem 
Weltkriege errichteten Uferschutzbauten mußten lei 
der nach Kriegsschluß wieder gesprengt werden, wo 
durch die Zerstörung durch Sturmfluten verstärkt 
wurde. Ein schlanker Kirchturm und ein hoher 
Leuchtturm erhoben sich über die anderen Bauten, 
sonstige Sehenswürdigkeiten waren nicht zu ermit 
teln, es sei denn. daß man die vorerwähnten fest 
ländischen Nixen mangels anderer Lustbarkeiten 
näherer Betrachtung unterzog, was allerdings wegen 
des Fehlens jeglicher Lauben nur in breitester 
Oeffentlichkeit am Strand geschehen konnte. Es 
war dies augenscheinlich der Hauptzweck ihres Auf 
enthaltes. Die einheimische Fischer- und Schiffer 
bevölkerung, deren Tätigkeit sich sonst wohl außer 
auf Fischerei und Hummerfang fast ausschließlich 
auf die Badegäste bezog und die friesischen Stammes 
ist, trug entsprechende Kleidung und die Frauen 
eine Art Haube, die Männer den üblichen Süd 
westerhut oder Seemannsmütze. Als Erinnerung 
nahm ich mir nur einige Seemuscheln mit und habe 
ich noch ein seidenes Bandbuchzeichen in den Farben 
Helgolands, nach dem alten Spruch: 
Grün ist das Land, 
Rot ist die Kant, 
Weiß ist der Strand. 
Das sind die Farben 
Von Heiligland.
	        

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