Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

des 1828 gest. Tuchfabrikanten Justus Gleim. Die 
letzteren zwei waren die Gründer und Inhaber der 
1842 und 1846 mit der silbernen und goldenen 
Staatsmedaille ausgezeichneten Firma A. u. G. 
Gleim, Tuchfabriken auf dem Eisfeld und der oberen 
und unteren Walkemühle Adelshausen hier; später 
trat letzterer Bruder Wilhelm Gleim I, Großvater 
meiner Frau, mit in die Firma. 
6. Sitzend links im Bilde: Georg Wilhelm 
Gleim, Prokurator beim Kurfürstlichen Kreis 
gericht Rotenburg an der Fulda, vorher in Sontra, 
später Rechtsanwalt, dann Königl. Preuß. Notar 
im Dep. des Appellationsgerichts Kassel, hier ge 
boren 28. 7. 1820, gest. 9. 7. 1881 zu Melsungen 
als Königl. Preuß. Fustizrat. Er gehörte zum 
Marburger Corps Teutonia, war nationalliberales 
Mitglied des Reichstages für den Wahlkreis Ro- 
tenburg-Hersfeld-Hünfeld und Zweitältester Bruder 
meines Vaters. Aus seinem Nachlaß stammt dieses 
Bild. 
7. Sitzend rechts im Bilde im hellen Anzug: 
Georg Lotz, Bauunternehmer und Vizebürger 
meister hier, geboren 10. 11. 1820 hier, gest. 
11. 11. 1908 zu Kassel, vom 1. 1. 1875 bis 31. 
12. 1898 Bürgermeister der Stadt Melsungen, Mit 
glied der Kreisbehörden, des hessischen Kommunal- 
Landtags und des Landesausschusses in Kassel, ein 
eifriger Turnervertreter. 
Ferner bringe ich hier ein Lichtbild des „M e l - 
sunger Münnergesangvereins 1 87 5", 
das in der Rosenzeit des Jahres 1876, also bald 
nach der Gründung des Vereins, vor dem mit 
Kletterrosen umrankten Kegelhäuschen der damals 
noch offenen Kasinogarten-Kegelbahn der 1825 ge 
gründeten Abendgesellschaft zu Melsungen, bei deren 
1837 erbautem Gesellschaftshause in der Roten- 
burgerstraße aufgenommen wurde. Die 30 Mitglie 
der werden daher den ganzen neuen Verein dar 
stellen, wie mein einstiger Schulkamerad Post- 
assistent, später Finanzassistent Karl Stöpsel, hier, 
der bei der Lichtbildaufnahme zugegen war, bestä 
tigen kann. 
Die Mitglieder sind fast alle alte Melsunger 
Bürger und Meister und hoffe ich deshalb zahlreiche 
Melsunger in Heimat und Fremde mit der Wieder 
gabe des Bildes zu erfreuen. Es werden damit 
gewiß viele Erinnerungen aus einer versunkenen 
Zeit wieder wachgerufen, und wenn einmal der 
Männergesangverein 1875, dem auch mein Vater 
angehörte, wie ich jetzt noch, seinen 60. Gründungs 
tag begehen wird, dann können die Teilnehmer auch 
die einstigen Gründer im Bilde schauen. 
In Berlin begann jetzt in meinem geschäftlichen 
Unternehmen wieder Hochjahreszeit und vereint mit 
meinem Teilhaber und den Hilfskräften mußte tüch 
tig zugegriffen werden. Die neuen Muster wurden 
zusammengestellt, was etwa einen Atonal in An 
spruch nahm, dann begann wieder die Reisezeit und 
der Versand der neuen Erzeugnisse, der uns ab 
wechselnd oblag. Der Monat Juli sah mich im Ge 
biet der Ostsee, wo ich auch die Insel Usedom be 
suchte und die Seebadeorte Swinemünde, Ahlbeck, 
Heringsdorf und Bansin kennen lernte. Alle sind 
mit schönem weißem sandigen Strand versehen, in 
dem die Knaben fahnengeschmückte Burgen bauten, 
von bewaldeten Dünen landseitig begrenzt, beson 
ders Bansin hat prächtigen Buchenwald, in dem 
sogar ein Blockhaus in Form einer Alpensennhütte 
als Milchausschank an eine Almlandschaft erinnern 
sollte. Der Zustrom der Badegäste, die vielfach 
auch Fische fingen und Muscheln suchten, war so 
stark, daß die Unterkunft sehr beengt wurde und 
die Enge der Zimmer war oft so bemerkbar, daß 
man, um die Stiefel anzuziehen, die Stubentür auf 
machen mußte und zum Rockanziehen die Fenster 
öffnen mußte, wie man scherzhaft sagte. Aber solche 
Unbequemlichkeiten wurden gern in Kauf genommen, 
da sich das Leben ja tagsüber fast nur am Strand 
abspielte, wo geschwommen, geplantscht, im heißen 
Sande geschmort, gefischt, getuschelt, gekuschelt und 
gemuschelt wurde. Weidengeflochtene Strandkörbe 
beherbergten oft ruhende, lesende, träumende, plau 
dernde und sonstwie plauschende Gäste in mehr oder 
weniger malerischen Gewändern, wobei an den Be 
griff Gewand der Sachlage entsprechend oft nur 
die allerbescheidensten Ansprüche gestellt wurden, 
von denen man beinahe sagen konnte, — nur küm 
merlich mit einem goldenen Brillantring bekleidet —, 
was immerhin noch keinen Notstand verriet. Bade 
mäntel gab es damals wenig. Doch auch nach Son 
nenuntergang, ivenn sich der Schwarm verlaufen 
hatte, und vor Sonnenaufgang waren besonders 
schwärmerische Strandliebhaber zu finden, die dem 
ewig gleichförmigen Wellenschlag des Meeres lausch 
ten, die oft wundervollen in unaussprechlich schönen 
Farbentönen und Tinten leuchtende Abendstimmung 
und Morgendämmerung auf sich wirken ließen, oder 
in den niedrigen dichten, windgeschützten Gebüschen 
mit Ruhebänken seitwärts vom Strand in ungestör 
tem Glück die Zeit verplauderten. 
Der weitere Verlauf der Reise brachte mich wie 
der nach dem Westen, wobei ich wie alljährlich zahl 
reiche deutsche Städte kennen lernte und meine Lieb 
lingsplätze besonders gern aufsuchte, zu diesen ge 
hörten neben Hameln mit dem schönen Hochzeits 
haus, Rattenfängerhaus und stolzer Münsterkirche, 
zum Beispiel Hildesheim und Goslar, die mich 
stets erneut in ihrer großen kulturgeschichtlichen, 
geschichtlichen und kunstgeschichtlichen Bedeutung mag 
netisch anzogen. Auch den Brocken im Harz be 
suchte ich, dessen Gipfel-Quelle scheinbar auf der 
Bergspitze eine Merkwürdigkeit darstellt, aber im 
mer noch 5 Meter unter dem höchsten Punkt liegt 
und nach meteorologischen Berechnungen doch drei 
mal soviel Wasser aus der Atmosphäre durch Schnee, 
Regen, Nebel und Wolken empfängt als sie ab 
gibt. — Von Bremen und dem Welthafen Bremer 
haven aus, wo damals der große, von der jetzigen 
„Bremen" und „Europa" jedoch längst überholte 
Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große" an 
der Lloydhalle lag, besuchte ich mit dem schlanken, 
blendend weiß gestrichenen Dampfer „Nixe" am 27. 
8. 1899 die Insel Helgoland auf einer recht stür 
mischen Fahrt, bei der ein großer Teil der Fahr 
gäste seekrank unter Deck lag, und das Schiffs 
innere einen betäubenden Dunst ausstrahlte, dem 
man rasch entrinnen mußte, um nicht dabei zu 
liegen. Ein Zigarettenvertreter von Iasmatzi-Dres- 
den und ich blieben fast allein auf Deck, außer eini 
gen Damen, die am Kiel von einem großen Wogen 
spritzer mit Sturzwelle eine tüchtige Wäsche ab 
bekamen. Wir sahen uns oft an, halb lustig, halb 
bedenklich, denn das Schlinkeren des Schiffes ver 
ursachte ein höchst unbehagliches Gefühl im Magen, 
das sich bei manchen Seefahrern so auswirkte, daß 
sie dem meerbeherrschenden Neptun aus solcher Tiefe 
opferten, daß nur die Stiefelsohlen nicht mehr mit
	        

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