Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 16.1935)

1914 und an den jubelnden Glockenklang, der den 
kaum glaublichen Sieg über die russische Riesen 
armee kündete, und der Führer folgt einem aus 
drücklich ausgesprochenen Wunsch des verstorbenen 
Feldherrn, wenn er in dieser ans Herz greifenden 
Grabrede nicht zuletzt auch der in der Welt einzig 
dastehenden Leistungen der deutschen Krieger ge 
dachte. Wieder läuteten die Glocken wie vor 20 
Fahren, — diesmal nicht mehr nur dem Sieger der 
größten Schlachten des Weltkrieges, — diesmal 
riefen sie stolze Trauer dem zur großen Armee ein 
berufenen Toten nach. Unter dem Donner der Ge 
schütze und dem Klang der Nationalhymnen wurde 
der Sarg des toten Feldherrn und Staatsober 
hauptes in den Turm getragen. Feder, der diese 
Stunde am Rundfunk miterlebte, glaubte selbst im 
Tannenbergdenkmal zu sein. Es waren Augenblicke 
höchster Weihe, als dieser letzte Gruß durch ganz 
Deutschland klang und alle Herzen verband. 
Nach dem Abmarsch vom Schloßhof in Mel 
sungen formierten sich die Gruppen in der Roten- 
burger Straße zur Trauerparade, die von Brigade- 
führer Dörnemann, Kreisleiter Dr. Reinhardt und 
Landrat Freiherrn von Gagern vor dem Rathaus 
abgenommen wurde. 
Der Bund, den das alte ruhmreiche Deutschland 
der Vergangenheit mit dem neuen .hoffnungsstarken 
Deutschland der nationalsozialistischen Volksgemein 
schaft am 30. Fanuar 1933 geschlossen hatte, war 
von sichtbarem Segen begleitet. Als der ehrwürdige 
Reichspräsident für immer die Augen schloß und alle 
Feinde Deutschlands darauf warteten, daß unser 
Reich in eine neue innere Krise geraten werde, setzte 
sich der Bolkskanzler Adolf Hitler mit seiner ganzen 
Kämpfernatur für den inneren Frieden ein. Deutsch 
land blieb nicht führerlos. Durch die Zusammen 
legung des Reichspräsidentenamtes mit dem des 
Reichskanzlers zeigte die deutsche Reichsregierung 
ihre Entschlossenheit, die Einheit Deutschlands zu 
wahren. Fn dem Volksentscheid vom 19. August 
1934 stellte sich das deutsche Volk einmütig hinter 
den Führer und gab ihm somit die Vollmacht, das 
Reich zu führen. Fm Kreise Melsungen waren es 
fast 99 Prozent der Wähler, die die Frage der 
Reichsregierung auf Vereinigung der beiden Aemter 
Reichspräsident und Reichskanzler mit „Fa" beant 
worteten. Ein neuer Abschnitt deutscher Geschichte 
hat begonnen. 
Es ist nicht die Aufgabe, hier einen politischen 
Fahresrückblick zu halten. Wenn wir aber die 
heimatlichen Ereignisse von 1933 bis 1934 betrachten, 
so dürfen wir nicht vergessen, daß sie in ursäch 
lichem Zusammenhang mit dem politischen Geschehen 
im Reich stehen. So ist es verständlich, daß die 
Maßnahmen der Reichsregierung zum Aufbau des 
nationalsozialistischen Reiches im engsten Heimat 
gebiet ihren Ausdruck fanden. 
Um das Wort des Führers wahr zu machen, 
daß im Winter kein Volksgenosse hungern noch 
frieren solle, fand am 15. September 1933 in Mel 
sungen eine Besprechung statt. Die Durchführung 
des W int erh i lfs w erks wurde in die Wege 
geleitet. An 100 opferbereite Partei- und Volks 
genossen aus dem Kreise, die Vertreter der Behör 
den und der Wohlfahrtsverbände hatten sich im 
Kasino eingefunden, um sich zur gemeinsamen Arbeit 
zur Verfügung zu stelleu. Kreisleiter Wisch hob in 
seiner Begrüßungsrede hervor, daß es das Ziel des 
Führers ist, jedem Volksgenossen Arbeit und Brot 
zu geben. Aber solange dies nicht möglich ist, be 
stehe die Verpflichtung, für die Beseitigung der Not 
zu sorgen. Nach aufklärenden Borträgen über die 
Organisation der Volkswohlfahrt und die NS.- 
Fräuenschaften sprach die Kreis-Frauenschaftslei- 
terin, Frau Scherer, über die Organisation des Win 
terhilfswerks im Kreise Melsungen. Es wurden 
überall in den Gemeinden Ortsgruppen gebildet und 
eine einheitliche Sammlung durchgeführt. Die ge 
spendeten Lebensmittel wurden in Listen eingetragen 
und später von der Kreisleitung abgerufen. Ein 
wichtiger Erfolg des Hilfswerks war auch die Be 
seitigung des Bettlerunwesens, durch den Zusammen 
schluß der Wohlfahrtsverbände wurde jeder einzelne 
Volksgenosse erfaßt. 
Die wandernde Jugend, die aus ihren Fahrten 
durch d.as Hessenland Melsungen berührte, fand hier 
bis zum Fahre 1933 nur eine notdürftig einge 
richtete Bleibe, die im Laufe der Zeit mehrere Male 
ihren Unterschlupf wechselte und zuletzt in einem 
kleinen Raum der ehemaligen Steinbachschen Tuch 
fabrik untergebracht war. Für größere Wander 
scharen konnte selten Uebernachtungsgclegenheit ge 
schaffen werden. Seitens der Stadt wurde deshalb 
im Juni 1933 die Schulbaracke des Reformreal 
gymnasiums, die bis dahin hinter dem Kasino stand 
und als Turnhalle diente, auf dem Gelände des 
neuen Schulhofes der Stadtschule an der Sand 
straße aufgestellt, um als Jugendherberge zu 
dienen. Zwei große Räume bilden die Schlafzim 
mer für Knaben und Mädchen. In der Mitte liegt 
der große Tagesaufenthaltsraum. Es find 30 Betten 
(50 Lagerstellen) vorhanden, sodaß die Herberge 
stärksten Anforderungen gewachsen ist. Ein elek 
trischer Kocher gestattet eigenes Herrichten von 
Speisen. Die Herberge ist 'mit Grünanlagen um 
geben, sodaß auch der äußere Eindruck ein guter ist. 
Auf dem Schulhof stehen die verschiedensten Geräte 
zu sportlicher Betätigung zur Verfügung. Vertreter 
des Fugendherbergswesens, die die neue Jugendher 
berge besichtigten, haben die Unterkunft als muster 
gültig bezeichnet. 
Für die Melsunger Schützengilde war es eine 
große historische Stunde, als ihr am 5. Juli 1933 
auf ihren Antrag hin durch den Bürgermeister der 
Stadt in feierlichster Weise die im Fahre 1832 ge 
weihte alte Bürgergardesahne zu treuen 
Händen übergeben wurde. Nachdem die Gilde im 
Rathausflur in ihren grünen, ordengeschmückten 
Uniformen Ausstellung genommen hatte, ergriff Bür-, 
germeister Dr. Schmidt das Wort, um auf den 
hohen Wert der Tradition hinzuweisen. Dadurch, 
daß die Melsunger Schützengilde um Ueberlassung 
der alten Bürgergardefahne gebeten habe, habe sie 
anknüpfen wollen an die Vergangenheit. Die Män 
ner, die vor hundert Fahren die Bürgergarde grün 
deten, waren bereit, ihr Blut und Leben für Stadt 
und Vaterland einzusetzen. Auch die Melsunger 
Schützengilde habe in den letzten zehn Fahren im 
Dienste des Vaterlandes gestanden und Aug und 
Hand fürs Vaterland geübt. Er überreichte die 
Fahne in der Hoffnung, daß das alte Fahnentuch 
geehrt und weiterhin einer guten Sache vorangetra 
gen werden möge. Der Führer der Schützengilde, 
Dr. Softmann, übernahm die Fahne mit herzliche» 
Dankesworten. Das alte Banner werde die Schützen 
nun erst recht begeistern, ihren alten Zielen, Vater 
landsliebe und Kameradschaft, nachzueifern. Die 
Fahne werde jederzeit der Stolz der Schützengilde
	        

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