Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Aufstellung des Armeekorps 1814 
blutjunge Burschen von 16 bis 17 Jahren, die sich meldeten und auch 
angenommen werden mußten. Selbst die Juden, die sich doch nicht ohne 
Grund unter der westfälischen Herrschaft noch am wohlsten gefühlt hatten, 
schlossen sich nicht aus. Wer es vermochte, kleidete und bewaffnete sich 
selbst, für die Ärmeren sorgten die Reicheren. Eltern, die nicht selber 
einen oder mehrere Söhne stellen konnten, übernahmen wenigstens die 
Ausrüstung von Freiwilligen. Daneben flössen in reichem Strome die 
Spenden aller Art, Geld und Geldeswert, und halfen die leeren Kassen 
füllen. Die Kurfürstin und die Prinzessinnen des kurfürstlichen Hauses 
bildeten einen Frauenverein, der die Sammeltätigkeit regelte und die zahl 
reichen Liebesgaben aller Art ivciterbeförderte. Besonderes Aufsehen erregte 
eine Sendung von mehreren hundert Kanonenkugeln des Dünzebachcr 
Pfarrers Quentel, die einst von den Franzosen aus dem Zeughaus 
weggeschleppt und in Dünzebach liegen geblieben waren. Der junge Bild 
hauer Werner Henschel stiftete das Honorar für das von ihin gefertigte 
Denkmal des westfälischen Generals Ducoudras, das von der Insel im 
Schönfelder Park ebenso verschwand, wie die notdürftig wieder geflickte 
Napoleonssäule vom Casseler Königsplatz. Und Hcnschels Bruder be 
sorgte den Guß der neuen hessischen Kanonen, für die sein Freund 
Wilhelm Grimm die Inschriften ersann. 
Zum kommandierenden General für die hessische Armee, die das 
4. deutsche Bundeskorps bilden sollte, hätte der Kurfürst — übrigens 
nicht ohne Widerstreben — seinen Sohn, den Kurprinzen, ernannt, der 
sich mit Feuereifer ihrer Aufstellung und Organisation annahm. Der alte 
Herr konnte sich in die neuen Verhältnisse schwer schicken, darum war 
es ganz gut, daß er seinen, Sohn im wesentlichen die Neubildung der 
Feldtruppen überließ, während er sich darauf beschränkte, seine geliebten 
Garden ganz auf dem Fuß von 1806 wiederherzustellen. Als er am 
6. Februar 1814 zum ersten Male Revue über diese abhielt, da konnte 
er befriedigt in sein Tagebuch schreiben: „Es war mir zumute, als ob 
ich überhaupt nicht von Cassel weggewesen wäre." Im übrigen ließ er 
seinen Sohn gewähren, wenn ihm auch die massenhafte Anstellung ehe- 
nraliger westfälischer Offiziere in der Armee keineswegs sympathisch war. 
Es verstand sich ganz von selbst, daß diese in vielen Fällen nicht in 
dem gleichen Grade eingereiht werden konnten, den sie zuletzt unter der 
Frenidherrschaft innegehabt hatten, da die höheren Kommandostellen 
meist längst mit althcssischen Offizieren beseht waren und in der kleineren 
hessischen Armee das stellenweise sehr rasche westfälische Avancement 
nicht berücksichtigt werden konnte. Daß dadurch niancher verdiente Mann
	        

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