Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Der Kurfürst in Frankfurt und Hanau 
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war mit den Kindern niedergekniet und hatte in überwallender Bewegung 
die hessische Erde geküßt. Ein Steinchen, an dieser Stelle bei dieser 
Gelegenheit aufgehoben, hat den späteren letzten Kurfürsten zeitlebens 
überall hin begleitet. „Es war ein Vorschmack der himmlischen Selig 
keit", schrieb die Prinzessin Marie, die spätere Herzogin von Meiningen, 
noch nach vielen Jahren, als sie der Freudentränen und des Jubels 
gedachte, der die aus langer Verbannung Heimkehrenden von Dorf zu 
Dorf, von Stadt zu Stadt bis nach Cassel geleitete. Und Wilhelm 
Grimm sagt in seinen Erinnerungen: „Ich habe niemals etwas Be 
wegenderes und Ergreifenderes gesehen, als den feierlichen Einzug der 
fürstlichen Familie. Das Volk zog die Wagen nicht mit einem tobenden, 
für den Augenblick erregten Eifer, sondern wie jemand, der ein lang 
entbehrtes, von Gott wieder gewährtes Gut in die Heimat zurückführt. 
Mir schien in diesem Augenblick, als könne keine Hoffnung auf die 
Zukunft unerfüllt bleiben." 
Wenn auch der Kurfürst sofort als erste Regierungshandlung die 
Einberufung der am l. November 1806 beurlaubten alten hessischen 
Regimenter befahl, so bedeutete seine Rückkehr doch noch keineswegs 
den völligen unumschränkten Wiederantritt seiner Regierung. Tatsächlich 
waren die russischen Eroberer noch die Herren der Stadt, und nach 
den russisch-preußischen Abmachungen über die Verwaltung der eroberten 
Länder schien es nicht ausgeschlossen, daß der unter Steins Leitung 
stehende Zentralverwaltungsrat die Hand auf Hessen legen und die 
Wiederherstellung des Kurstaates verhindern würde. Wilhelm ent 
schloß sich also schnell nach Frankfurt zu reisen, um von den dort 
erwarteten verbündeten Monarchen persönlich die Anerkennung seiner 
Wiedereinsetzung zu erwirken. Er ließ sich kaum Zeit, seine geliebte so 
lang entbehrte Wilhelmshöhe wiederzusehen, und reiste am 25. November 
in Begleitung des Kurprinzen nach Frankfurt. Die Reise durch das 
befreite Hessenland glich einem Triumphzug. In allen Orten wiederholten 
sich die gleichen Szenen wie in Cassel, namentlich in Marburg, wo man 
einige Tage vorher die Franzosenfreunde gezwungen hatte, die steinernen 
hessischen Löwen zu küssen, die in westfälischer Zeit von den Toren entfernt 
werden mußten. Auch in Nauheim wurden wie in Marburg den 
beiden Fürsten die Pferde ausgespannt. Von Frankfurt begab sich der 
Kurfürst am 29. nach Hanau trotz des lebhaften Widerspruchs Steins, 
der Hanau als einen Teil des Großherzogtums Frankfurt für ben 
Zentralverwaltungsrat beanspruchte und die Rechte des alten Landesherrn, 
der ihm das nie vergessen hat, nicht anerkennen wollte. In Hanau sah
	        

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