Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Rückkehr Kurfürst Wilhelms 1813 
überbrachte, sogar eine Vergrößerung Kurhessens durch das darinstädtische 
Oberhessen in Aussicht stellen. Später war davon keine Rede mehr. 
Der Kurfürst mußte sogar seine Absicht aufgeben, dem Tschernyscheffschen 
Korps, dessen Marsch nach Cassel er mit den glühendsten Wünschen 
begleitete, eine hessische Zioilkommission mitzugeben, weil die verbündeten 
Mächte unter Steins Einfluß sich noch immer zu keiner bestimmten Zu 
sicherung über die Restitution verstehen wollten. Man wünschte offenbar 
gar nicht, daß der Kurfürst nach Hessen ginge und ließ seine Schritte 
in Prag genau überwachen. Wilhelm wartete aber die ihm vorenthaltene 
Erlaubnis der Alliierten nicht ab. Als die Nachricht von dem Einzug 
des Kurprinzen in Cassel bei ihm ankam, da verließ er am 11. No 
vember Prag, holte in Gotha seine Gemahlin und seine Töchter ab und 
traf mit ihnen am 21. November in Cassel ein. 
Der Sonntag, an dem er in die festlich geschmückte alte Residenz 
stadt seinen Einzug hielt, war einer der denkwürdigsten Tage in Hessens 
Geschichte. Die Straßen Cassels waren durch Ehrenpforten und Gir 
landen in grüne Hallen umgewandelt. Tausende und Abertausende 
wogten zu Fuß zum Leipziger Tore hinaus. Unter dem Jubel von 
angeblich 40000 Menschen verließ der Kurfürst eine Stunde vor Cassel 
seinen Reisewagcn und stieg in einen mit sechs schwarzen Rossen bespannten 
Wagen, den ihm zwei Pächter zum Geschenke brachten. An der Bettel 
brücke war die Menge nicht mehr zu halten, stürzte sich auf die Pferde 
und spannte sie aus mit dem Rufe: „Hessenblut soll ihn hereinziehen, 
das lebt imincrdar!" und in dichtem Gedränge wurde der Wagen, in 
dem der Kurfürst in seiner alten Gardeuniform zwischen dem Kurprinzen 
und dem russischen General v. Ratzen saß, von Untertanenhänden 
durch die Straßen der Stadt gezogen. An dem von dem Brand 
verwüsteten alten Landgrafenschlosse ging es vorbei zur Bellevue, wo 
des Kurfürsten ein Zimmer wartete, ganz so mit allen Einzelheiten 
der Einrichtung, wie das, welches er sonst zu bewohnen pflegte. 
Hier erschien der 70 jährige Greis vor der zuströmenden, drängenden, 
jauchzenden Menge auf dem Balkon, wo er seine Gemahlin im An- 
gesicht des Volkes umarnite und diesem mit heißen Tränen und mit 
tiefgerührter Stimme öfters zurief: „O meine Kinder, meine Kinder!" 
Der festliche Tag endigte mit einer so großartigen allgemeinen Illu 
mination, wie sie selbst die westfälische Zeit nicht gesehen hatte. Ähnliche 
Iubelszenen ereigneten sich am nächsten Tag, als die Kurprinzessin 
mit ihren drei Kindern von Berlin kommend ihren Einzug hielt. An der 
hessischen Grenze bei Netra angelangt, hatte sie den Wagen verlassen,.
	        

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