Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Beginn des Freiheitskampfes 1813 
69 
dem Casseler „Moniteur" erfuhr man nur, daß der preußische General 
v. Porck wegen Bruchs des französisch-preußischen Bündnisses auf Befehl 
des Königs verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollte. 
Als aber die allgemeine Volkserhebung begann, als alle alle kamen, 
und der schwankende König von Preußen zuletzt von der allgemeinen 
Strömung auch mit fortgerissen wurde und seinem bisherigen Verbündeten 
den Krieg erklärte, da war nichts mehr zu verheimlichen. Der von Na 
poleon so tief verachtete und völlig unterschätzte deutsche Bolksgeist war 
erwacht und konnte durch alle falschen Meldungen und Verdrehungen 
der Wahrheit nicht wieder eingeschläfert werden. Mancher treue Hesse 
träumte schon in diesen Tagen von dem endgültigen Sturz Napoleons 
und dem alsbaldigen Auffliegen des Königreichs Westfalen. Doch so 
schnell ging es noch nicht. Ierome mußte auf Befehl seines Bruders 
die völlig vernichtete Armee seines Landes wieder neu aufstellen ja sogar 
vermehren. Napoleons Truppen durchzogen das Land und verlangten 
enorme Summen für ihre Verpflegung und Verproviantierung. Diese 
neuen und schweren Opfer an Menschen und Geld, die von dem er 
schöpften Lande gefordert und mit Strenge beigetrieben wurden, der 
fortgesetzte Verkauf der Staatsdomänen, uni die leeren Kaffen zu füllen 
und um die Schwelgereien des liederlichen Hofes zu bestreiten, waren 
nicht geeignet, die düstere Stimmung zu verscheuchen und den unter 
drückten Haß zu mildern, der immer mehr um sich griff. Die neue 
Aushebung der Rekruten vollzog sich mit wachsender Schwierigkeit, und 
je mehr sich die Truppen der verbündeten Russen und Preußen den, 
Lande näherten, desto schlechter wurde die Haltung der Soldaten. 
Trotz der auf die Fahnenflucht festgesetzten Todesstrafe kamen die 
Desertionen immer häufiger vor, und nur zu oft knallten aus dem 
Kratzenberg vor Cassel, wo sich das Barackenlager der Garde be 
fand, die Salven der Exekutionskommandos, die unter gedämpftem 
Trommelwirbel die eingefangenen Deserteure auf ihrem letzten' Weg 
begleiteten. Als der preußische Major v. Hellwig aus seinem kühnen 
Vorstoß bis zur Werra gelangte und kurze Zeit sogar Wanfried 
(18. April) besetzte, war der Fubel und die Begeisterung der dortigen 
Hessen unbeschreiblich. Man hielt das (Silbe der Fremdherrschaft für 
gekommen, weinte vor Freuden und küßte sich auf offener Straße. 
Aber wenige Tage darauf besetzten westfälische Truppen wieder die 
Stadt, die Anhänger des Kurfürsten flüchteten oder wurden verhaftet, 
zwei von ihnen, Gottsleben und Hohmann, wurden standrechtlich er 
schossen. Zu gleicher Zeit desertierten von dem westfälischen Korps
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.