Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Feldzug nach Rußland 1812 
67 
werden, wie es möglich ist, daß so ganz unbedingt Satan unter der 
Menschheit auf dem Erdboden wütet." 
Beim Brande des alten Schlosses waren neben vielem andern 
Unersetzlichen auch die daselbst aufbewahrten westfälischen Fahnen der 
Casseler Garnison vernichtet worden. Die betreffenden Reginientcr er 
hielten am 1. März 1812 neue Feldzeichen, die ihnen Ierome bei einer 
feierlichen Heerschau in der Aue eigenhändig mit den Worten überreichte: 
„Diese Fahnen werden euch in das Feld der Ehre geleiten, sie tragen 
die Farben des Vaterlandes, sie haben die göttliche Weihe." Wenige 
Tage später rückten die Truppen schon aus, um sich der großen fran 
zösischen Armee anzuschließen, mit der Napoleon den letzten großen 
Feind seiner Weltherrschaft auf dem Kontinent niederzuwerfen gedachte. 
Ieroine ward zum Führer des rechten Flügels der großen Armee er 
nannt und vereinigte unter seinem Kommando außer dem eigenen west 
fälischen Armeekorps noch das 8. französische Korps nebst den Sachsen 
und Polen. Aber sein militärischer Siegeszug durch Polen, dessen ein 
zelne Etappen in Cassel mit Kanonendonner und allgemein befohlener 
Illumination gefeiert werden mußten, war nur von kurzer Dauer. Am 
Morgen des 12. August donnerten wieder die Kanonen in Cassel, diesmal 
aber zur Feier der unerwarteten plötzlichen Rückkehr des Königs, der 
verärgert durch die beißende Kritik Napoleons an seiner Kriegsführung 
das Kommando niedergelegt und mit seinen Garden die französische 
Armee im Schatten der höchsten kaiserlichen Ungnade verlassen hatte. 
Während Ierome seine Mißstimmung über die verscherzten Sieges 
lorbeeren in neuen rauschenden Vergnügungen zu ersticken suchte — ein 
märchenhaftes Fest in Schönfeld mit unerhörter Prachtentfaltung und 
glänzender Illumination bot noch lange Gesprächsstoff für die staunenden 
Casselaner — zogen seine Truppen mit Alldeutschlands Jugend durch 
die Steppen Rußlands, um ihr Blut zu verspritzen für die ehrgeizigen 
Pläne des französischen Imperators. Die Hessen schlugen sich wie immer 
mit der größten Tapferkeit und Auszeichnung auch unter den fremden 
Fahnen, namentlich in der blutigen Schlacht bei Borodino, 7. September 
1812, in der auch ein Sohn des Kurfürsten, Moritz v. Hagnau, für den 
fremden Usurpator und Verdränger seines Vaters sein Leben lassen 
mußte. Eine Siegesnachricht nach der anderen kam in die westfälische 
Hauptstadt und wurde mit offiziellem Jubel gefeiert, bis auf einmal 
ganz unerwartet wie ein Wetterschlag aus heiterem Himmel die Kunde 
eintraf von dem Rückzug der großen Armee und dem Strafgericht, das 
über Napoleon in Rußland hereingebrochen war. Zuerst vernahm man 
5*
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.