Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Aufstandspläne 1809 Stimmung in Hessen 
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Eroberer besiegten und unterdrückten deutschen Landes fing es an zu 
gähren. Napoleon war mit einem großen Heere in Spanien festgehalten, 
dessen aufständische Bevölkerung von seinem alten Feinde England auf 
alle Weise unterstützt wurde. Österreich fing an zu rüsten, um die Scharte 
von 1805 auszuwetzen. Der günstige Augenblick für einen allgemeinen 
Kampf gegen den Zerstörer Deutschlands schien gekommen. Auf Preußens 
offizielle Teilnahme war zwar nicht zu rechnen, das Land blutete noch 
aus tausend Wunden, und seinem schwachen König gebrach es an Mut 
und Entschlossenheit. Aber es lebten dort eine ganze Reihe von Männern, 
wie Stein, Hardenberg, Scharnhorst, Gneisenau, Schill (der Geburt nach 
lauter Nichtpreußen), die in weiten Kreisen die vaterländische Begeisterung 
wach erhielten und voller Ungeduld auf den Tag der Befreiung und 
Vergeltung warteten. Unsichtbare Fäden spannen sich von hier nach 
London zu dem Kreise der dort weilenden treuen Hannoveraner, nach 
Böhmen und Schlesien zu den Höfen der vertriebenen Fürsten von 
Hessen und Braunschweig, nach Tirol, nach Wien und in alle Winkel 
des Königreichs Westfalen und woben den Plan zu einem gemeinsamen 
Aufstand gegen die fremde Gewaltherrschaft. Sobald Österreich das 
Schwert zog, sollten die braven Tiroler unter Andreas Hofer sich für 
ihren Kaiser erheben, die Engländer in Hannover landen, die Hessen 
den ihnen aufgezwungenen König Jerome gefangen nehmen und durch 
allgemeine Insurrektion in Westfalen das Land für die Rückkehr der 
angestammten Fürsten vorbereiten, während von Berlin aus der kühne 
Major Schill das Unternehmen durch einen Einfall ins Magdeburgische 
mit seinen tapferen Husaren zu unterstützen versprach. 
Ganz besonders rechnete man bei diesen Plänen auf die Volks 
stimmung in Hessen, die für eine vaterländische Erhebung für den alten 
Landesherrn günstig erschien. Die Schmach der hinterlistigen Über 
rumpelung und die Blutszenen nach dem Aufstand der Soldaten und 
Bauern von 1806 waren noch in frischer Erinnerung. Daß man den 
alten Hessennamen nicht mehr tragen sollte, wollte dem gemeinen Mann 
nicht in den Kopf. Die Überflutung mit einer Unzahl von neuen Ge 
setzen und Verordnungen, deren Sinn man nicht verstand, und die alle 
altgewohnten Verhältnisse über den Haufen warfen, erregte in den 
weitesten Kreisen Mißvergnügen und Widerspruch. Widerwärtig war die 
revolutionäre Schablonisierung und Gleichmacherei auf allen Gebieten. 
Die neu eingeführte geheime Polizei mit ihrem Heer von Spitzeln und 
Spionen, deren Zahl in der Einbildung noch größer war als in Wirk 
lichkeit, war ebenso verhaßt, wie die Legion Gendarmen, die zur Durch-
	        

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