Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Hanaus Schicksal Flucht des Kurfürsten nach Prag 1808 
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der Mutter Napoleons in Aussicht stellen wollte, wenn der Kurfürst ihr 
einen „Weinkauf" von 100000 Franken bewillige, wollte er daruin 
nichts wissen. Dagegen hoffte er eine Zeitlang, wenigstens seine alte 
Grafschaft Hanau für sich retten zu können, die seit der Okkupation 
getrennt von Hessen durch französische Generäle verivaltet wurde und 
im Tilsiter Frieden nicht erwähnt worden war. Auch diese Hoffnung 
zerging. Am 8. November 1807 verkündete Marschall Kellermann auf 
dem Neustädter Markt unter dem Schweigen des versammelten Volkes 
die definitive Besitzergreifung der Hanauer Domänen durch den Kaiser 
Napoleon (der dieselben zu Dotationen für seine Generäle verwandte), 
und die Grafschaft selbst wurde im Mai 1810 zu dem neuen Grosz 
herzogtum Frankfurt geschlagen. 
Der alte Kurfürst litt sehr unter dem Eindruck dieser entmutigenden 
Nachrichten, fand aber trotzdem immer noch Worte des Trostes und der 
Ermutigung für seinen Sohn und seine Gemahlin, da, so lange der Friede 
zwischen Napoleon und England ausstand, noch nicht alle Hoffnung 
verloren sei. Besonders schwer trug der an eine geregelte Arbeit gewöhnte 
Fürst die Untätigkeit, zu der er sich verurteilt sah, und die ewige Unruhe, 
in der er leben mußte. Zn Holstein fühlte er sich nicht mehr sicher. 
Anonyme Briefe drohten mit einem Überfall der Franzosen, die es wohl 
weniger auf den Fürsten, als auf seinen geretteten Schatz abgesehen 
hatten. Die brutale Politik der Engländer, die Kopenhagen bombar 
dierten und die dänische Flotte fortführten, zwang Dänemark auf die 
französische Seite. Im März 1808 marschierten tatsächlich Franzosen 
durch Itzehoe, denen der Kurfürst durch eine Reise nach Glückstadt aus 
dem Wege ging. Da der neue König Friedrich VI. von Dänemark, 
ein Neffe des Kurfürsten, nun aber Napoleons Verbündeter, auf die 
Dauer nicht mehr für die Sicherheit seines Verwandten bürgen konnte, 
wurde allmählich alles zu erneuter Flucht vorbereitet. Ein preußisches 
Anerbieten einer Zufluchtsstätte in Monbijou bei Berlin scheiterte 
an den damit verlangten starken finanziellen Bedingungen, die der 
Kurfürst für die preußische Anleihe bewilligen sollte. Am 20. Juli 1808 
verließ Wilhelm unter dem Vorwand einer Badereise nach Dobberan 
endgiltig Itzehoe und begab sich über Genthin, wo die mitgeführten 
Kisten mit Pretiosen und Wertpapieren beinahe den Franzosen in die 
Hände gefallen wären, und Leipzig nach Karlsbad zur Kur. Hier er 
reichte ihn eine Einladung des Kaisers Franz, durch die ihm Prag 
als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Ende August bezog der Kurfürst 
das Lichtensteinsche Palais auf der Prager Kleinseite, um in der
	        

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