Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

38 
Kurfürst Wilhelm und Napoleon 
Zeitlang plante, wagte Wilhelm nicht, und die Herzogin von Gotha, 
die einen vergeblichen Bittgang zur Kaiserin Zosephine in Mainz getan 
hatte, riet ihm auch entschieden davon ab. Er versuchte aber mehrmals 
von Gottorp aus mit Napoleon in Unterhandlungen zu treten, aber alle 
von der Not diktierten Zugeständnisse vermochten nicht, den Sieger um- 
zustimmcn. Als die kurfürstlichen Unterhändler Geh. Rat v. d. Malsburg 
und General v. Lehsten in Berlin die Vermittlung Bignons, des früheren 
Gesandten in Cassel, anriesen, erreichte dieser nichts als die brüske Ant 
wort des Kaisers: „Bah! Braunschweig, Nassau, Cassel, alle diese 
Fürsten sind durchaus englisch, sie werden niemals unsere Fr eundesein." 
Die Kurprinzessin, die in den kritischen Oktobertagen im Berliner Schlosse 
einem kleinen Prinzen Z ein nur kurzes Leben geschenkt hatte und daher 
als einziges Glied der königlichen Familie nicht hatte weiter flüchten 
können, wurde zwar von Napoleon mit Zuvorkommenheit behandelt, 
doch der Brief ihres Schwiegervaters, den sie ihm übergeben konnte, 
blieb unbeantwortet. Am 14. November erließ der Kurfürst eine öffent 
liche, aus Schleswig datierte Erklärung, in der er seine Politik gegen 
über den Anklagen der St. Genestschen Note zu verteidigen suchte und 
unter Berufung auf den seine Neutralität garantierenden Brief Napoleons 
an den Kurerzkanzler an das Gerechtigkeitsgefühl des französischen 
Kaisers appellierte. Auch diese Erklärung verfehlte vollkommen ihre 
Wirkung auf den Angerufenen. Zn seinem Sprachrohr, dem Pariser 
Moniteur, suchte Napoleon vor aller Welt seinen brutalen Überfall und 
seine Hinterlist zu rechtfertigen, indem er den Kurfürsten und sein Haus 
mit Schmähungen überhäufte: „Es gibt in Deutschland kein Haus, 
welches beständiger der Feind Frankreichs gewesen wäre. Seit vielen 
Zähren verkaufte es das Blut seiner Untertanen an England, um uns 
in beiden Weltteilen zu bekriegen. Seine Existenz an unseren Grenzen 
ist unverträglich mit der Sicherheit Frankreichs. Die Alliierten von 
Frankreich wachsen und gedeihen, seine Feinde werden geschwächt und 
entthront." 
Wenn aber Napoleon glaubte, durch Beschimpfungen des Kurfürsten 
und besonders durch den in mehreren Artikeln des Moniteur behandelten 
Vorwurf des Soldatenhandels die Hessen zu gewinnen lind mit denl 
Geschick ihres vergewaltigten Landes auszusöhnen, so hatte er sich ebenso 
verrechnet wie 14 Zahre zuvor sein Landsmann Custine, der mit den 
gleichen Mitteln gearbeitet hatte. Zn dumpfer Resignation hatte sich das 
') Prinz Ferdinand, * 9. Oktober, ch schon am 21. November 1806, wurde 
im Dom zu Berlin beigesetzt.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.