Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Der 1. November 1806 
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maison de Hesse-Cassel ait cesse de regner.“ Des Kurfürsten 
schwankende Haltung in der Rüstungsfrage gab ihm nur einen will 
kommenen Dorwand. „Seine Neutralität täuscht mich nicht, obwohl 
sie mir zustatten kommt", schrieb er -an Louis Bonaparte. Ausschlag 
gebend aber war die dem Kaiser wohlbekannte Abneigung des ahnen 
stolzen Hessenfürsten gegen den korsischen Emporkömmling und Sohn 
der verabscheuten französischen Revolution. Napoleon wußte, daß 
dieser deutsche Fürst und Sohn einer englischen Prinzessin niemals ein 
zuverlässiger Verbündeter der Franzosen geworden wäre, darum mußte 
der „geheime und gefährliche Feind hinter seinem Rücken" bei erster 
Gelegenheit „weggefegt" werden, wie es in der Instruktion für den 
König von Holland hieß. — 
Das waren aufregende Herbsttage für das Hessenland und nament 
lich für seine Hauptstadt. Am Nachmittag des 31. Oktobers waren die 
Casselaner noch neugierig und verhältnismäßig sorglos über den Forst 
nach der Söhre zu gepilgert, um zwisdien Waldau und Crumbach das 
Lager der Franzosen anzusehen. Als man dann hörte, daß ein Dragoner 
von Westuffeln gekommen sei, der auch von Norden anrückende Fran 
zosen meldete, wurde man bestürzt und fragte, was das wohl zu be 
deuten habe. Die Aufregung stieg, als Minister und Generale zu un 
gewöhnlicher Zeit in die Bellevue befohlen wurden, von der aus man 
die Wachtfeuer des Mortierschen Korps drohend herüberleuchten sah. 
Angstvoll gingen die Bewohner von Cassel zu Bett und verbrachten eine 
unruhige Nacht. Als sie dann aber in der Frühe des nächsten Morgens 
ihren Landesherrn mit seinem Sohne im Reisewagen mehrmals durch 
die Straßen der Stadt jagen sahen, und sich auf einmal das Gerücht 
von seiner Flucht verbreitete, da legte es sich wie ein Alp auf die 
Geniüter. Dann kam das Schrecklichste, für hessische Herzen schier Un 
faßbare. Die letzte Order, die im Namen des geflohenen Fürsten von 
dem General v. Webern erlassen wurde, befahl die einstweilige Be 
urlaubung und Entwaffnung des gesamten Militärs, „bis nach Zurück 
kunft Ihrer Kurfürstlichen Durchlaucht andere Einrichtungen getroffen 
werden". So wurden die beiden Garderegimenter, die einzigen in Cassel 
liegenden Truppen, der Stolz seiner Bewohner, die noch gestern dazu 
ausersehen waren, mit dem Kurfürsten zusammen die Ehre des Landes 
zu wahren, vor die Stadt geführt und mußten zähneknirschend die so 
oft in Ehren geführten Waffen abliefern. Um stzIO Uhr raffelten die 
kleinen französischen Trommeln durch die Straßen der Stadt, 6000 Mann 
von Mortiers Korps zogen in Cassel ein und besetzten sofort die Tore, 
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