Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Casseler Industrieausstellung 1870 
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daß aus ihren Steinen von seinem Gelde eine neue Bildergalerie an 
Stelle des Bellevuemarstalls „zur Abwehr seiner feindseligen Unter 
nehmungen" errichtet wurde. Auch verschiedene Bauten und Neuanlagen 
in der Aue, der stilgemäße Ausbau des Marburger Schlosses zur Auf 
nahme des hessischen Staatsarchivs, sowie allerhand Verbesserungen in 
den Straßen Cassels und anderswo wurden aus den kurfürstlichen 
Geldern bestritten, wie auch ein paar Kunstgegenstände für das Museum 
in Cassel daraus erworben wurden. Das waren alles Aufwendungen, die 
zweifellos dem Interesse des Landes dienten und in der Tat geeignet 
erschienen, die Stimmung der neuen Untertanen zu verbessern. Die 
Reptilienpresse sorgte dafür, diese dem Lande geschenkten Wohltaten ins 
gebührende Licht zu setzen, die zwar dem preußischen Staate keinen Heller 
kosteten, aber der großen Masse, die das nicht wußte, den Beweis 
liefern konnte, wieviel besser alles gegen früher geworden sei. Durch 
diese Verwendung des kurfürstlichen Vermögens, die im klaren Wider 
spruch mit dem Wortlaut des Beschlagnahmegesetzes erfolgte, wurde 
bewirkt, daß alle Gelder völlig ausgebraucht wurden, lind als später 
nach dein Tode des Kurfürsten die Beschlagnahme aufgehoben wurde, 
da war für seine Erben kein roter Heller mehr übrig, und alle Prozesse 
auf Herallsgabe der Millionen scheiterten an dem von der preußischen 
Regierung erhobenen Kompetenzlronflikt. 
Am glücklichsten war die neue Regierung, unterstützt von dem da- 
iilals allerorten beginnenden allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, in 
ihren Maßnahmen, die eine Hebung des Verkehrs und die Belebring 
von Handel lind Industrie bezweckten und damit hauptsächlich der auf 
diesem Gebiet stark zurückgebliebenen Stadt Cassel zuglitc kamen. Das 
erste Merkzeichen dieses neuerwachenden Lebens in der ehenrals so stilleil 
Stadt war eine große Industrieausstellung, die am 1. Juni 1870 in 
der Voraue eröffnet wurde. Mit Befriedigung vernahm der einer neuen 
Zukunft entgegensehende Casselaner die seitdem oft wiederholte Parole 
„Cassel wird Weltstadt", die damals in einer gleichbetitelten Schrift von 
den Gelehrten des „Kladderadatsch" zuerst ausgegeben wurde, ärgerte 
sich aber doch ein wenig, daß sie in die schmutzigsten Schmähungen der 
hessischen Vergangenheit eingewickelt war. Andererseits zeigte die kühle 
Aufnahme, die König Wilhelm bei seinem Besuch der Casseler Aus 
stellung erfuhr, daß selbst in Cassel die Mehrzahl der Bevölkerung noch 
ziemlich weit davon entfernt war, „das stolze Glück, Preußen zu sein," 
in uneingeschränktem Maße voll zu empfinden. Dafür waren die Ent 
täuschungen zu groß gewesen.
	        

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