Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Denkschrift des Kurfürsten 1868 
mögen legen werde. Man schien in Berlin der Ansicht zu sein, daß der 
Stettiner Vertrag, über dessen Ausführung es schon bald zu Streitig 
keiten gekommen war, trotz seines rein vermögensrechtlichen Charakters 
implizite eine Verzichtsleistung des Kurfürsten auf seine Thronrechte 
enthalte. In der Tat war auch innerhalb und außerhalb Hessens in 
weiten Kreisen die Anschauung vertreten, der Kurfürst habe „sein Land 
an die Preußen verkauft", da er nicht wie der König von Hannover einen 
ausdrücklichen Protest gegen die Annexion erlassen hatte, und diese 
Legende wurde von interessierter Seite, namentlich in Hessen, mit allen 
Kräften genährt, um den letzten Rest von Anhänglichkeit an den alten 
Landesherrn im Volke zu ersticken. Der Kurfürst litt schwer unter dieser 
Bezichtigung und war nicht gewillt, ihr durch Stillschweigen weiter Vor 
schub zu leisten. Im Septeinber 1868 erließ er daher eine in erster 
Linie an die Fürsten und freien Städte Deutschlands, seine bisherigen 
Bundesgenossen, dann aber auch an alle europäischen Souveräne sowie 
an die gesamte Öffentlichkeit gerichtete „Denkschrift betr. die Auflösung 
des Deutschen Bundes und die Usurpation des Kurfürstentums durch 
die Krone Preußen", die eine umfassende Darstellung der tatsächlichen 
und rechtlichen Verhältnisse nach seiner Auffassung enthielt. In sehr ent 
schiedenen Ausdrücken wurde in dieser, von dem ehemaligen Göttinger 
Rechtsgelehrten Professor Pernice redigierten Denkschrift die blutige 
Katastrophe des Jahres 1866 als eine Zerreißung des deutschen Vater 
landes und als ein schweres Unrecht bezeichnet, wider das der Kurfürst an 
das Gewissen Europas Appellation erheben wolle. Der Schluß lautete: 
„Se. königliche Hoheit vertraut unter wiederholtem feierlichen Protest 
gegen die ihm angetane Vergewaltigung auf das unbefangene Urteil 
aller Berufenen, auf die tatkräftige Sympathie der maßgebenden Mächte, 
auf das Walten der göttlichen Gerechtigkeit!" 
Die preußische Antwort auf diesen feierlichen, unzweideutigen 
Protest sollte nicht lange ausbleiben. Sie bestand in der unverzüglich 
angeordneten Beschlagnahme des kurfürstlichen Vermögens, die eben 
so wie die etwas frühere des Vermögens des Königs von Han 
nover durch ein preußisches Gesetz vom 15. Februar 1869 sanktioniert 
wurde. Bei der Abstimmung im Abgeordnetenhause verließen einige von 
den hessischen Abgeordneten den Saal, andere stimmten gegen den Be 
schluß der überwiegenden Majorität. Zur Begründung der rigorosen 
Maßregel behauptete die preußische Regierung, daß der Kurfürst in 
eine förmliche Verschwörung gegen Preußen verwickelt sei und mit dem 
hannöverschen Hofe zusammen eine gemeinsame, iin Ausland betriebene,
	        

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