Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Preußische Regierung und kurhessisches Staatsvermögen 
auf, mit der es die Verfassung hatte vernichten sehen, ein Beweis wie 
übertrieben die Behauptung von der unerschütterlichen Verfassungstretie 
des gemeinen Mannes war. Es waren mehr die althessischen Beamten, 
die anfangs zum großeit Teil aimexionsfreundlich, dann aber, in ihren 
Erwartungen bitter enttäuscht, mit verbissenem Arger und mit der Faust 
in der Tasche den Umsturz des seit 1821 bzw. 1831 errichteten Ge 
bäudes ansahen. Die Umgestaltung des gesamten Rechtswesens mit er 
heblicher Verteuerung der Gerichtskostcn mußte schon weitere Kreise 
erbittern, da an.gesichts der anerkannt vortrefflichen kurhessischen Justiz- 
einrichtungen ein Bedürfnis dazu nirgends erblickt, und die Beseitigung 
derselben nur durch den Hang 311 schablonisierender Gleichmacherei er 
klärt werden konnte. Eine große allgemeine Erregung aber bemächtigte 
sich des ganzen Landes bei dein Versuch, ihm seinen Staatsschatz zu 
entfremden. Schon vor der Verkündigung des Einverleibungsgesetzes 
hatte König Wilhelm am 14. September einen nicht unbeträchtlichen 
Teil des kurhessischen Staatsgutes, die gesamten reichen Waldungen der 
Herrschaft Schinalkalden, dem Herzog voll Coburg geschenkt und 
dainit nicht nur die dadurch unmittelbar stark geschädigten Schinalkalder, 
sondern weite Kreise des hessischen Volkes unangeilehm berührt, die 
nicht begreifen konnten, daß die preußische Krone über kurhessisches 
Staatseigentum zu verfügen wagte 311 einer Zeit, da dies selbst nach 
preußischer Rechtsauffassung dem Könige nicht gehören konnte. Als 
aber eine neue Verordnung vom 5. Juli 1867 die Verfügung traf, alle 
in bcn neuerworbenen Landesteilen vorhandenen, zum Staatseigentum 
gehörigen Aktivkapitalienfonds nach Berlin 31t schaffen, und als jedermann 
klar wurde, daß diese Verordnling, da die übrigen annektierten Länder 
keine erheblichen Fonds besaßen, nur auf ben kurhessischen Staatsschatz 
und Laudemialsonds gemünzt war, da rief dies eine große Entrüstung 
hervor. Eine offiziöse Erklärung suchte die Anordnling damit zu recht 
fertigen, daß, wenn mail die Passiva der einverleibten Staaten über 
nehme, die Gerechtigkeit erfordere, auch ihrer Aktiva sich zu bemächtigen. 
Da Kurhessen aber so gut wie keine Staatsschuldeil besaß, so lief das 
auf den famosen Vorschlag hinaus: Wir wollen teilen; du nimmst die 
Hälfte meiner Schlilden und ich übernehme dafür die Hälfte deines 
Vermögens. Der Spott, der sich in Preußeil über die in allen anderen 
Punkten so willigen, im Geldpunkt aber auf einmal so empfindlichen 
Kurhessen mit ihrer „failatischen Liebe zu ihrem Staatsschatz" (Bismarck) 
erhob, war nicht ganz unverdient, vermochte aber die allgemeine Ent 
rüstung nicht 31t mildern, die selbst die begeistertsten Annexionssreunde
	        

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