Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Die preußische Gesetzes-Sintflut 
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Man mußte der preußischen Verwaltung auch das Zeugnis aus 
stellen, daß sie mit Geschick die Fehler der verdrängten Regierung, die 
so viel böses Blut gemacht hatten, zu vermeiden verstand. In der neuen 
Verwaltung gab es keine Stockung, wie ehedem in Kurhessen, sondern 
es ging alles am Schnürchen, wenn auch nach dem erprobten zentrali- 
stischen Schema k', das ebenso gut oder so schlecht für die ostpreußischen 
Litauer an der Memel wie für die Eifelbewohner links des Rheines 
paßte. Wer noch an das gemütliche Schneckentempo der alten Re 
gierungsmaschine dachte, der mußte wohl oder übel die Fixigkeit be 
wundern, mit der jetzt auf einmal in der Provinz Gesetze und Ver 
ordnungen zustandekamen J ). Aber aus der Bewunderung wurde all 
mählich ein Schrecken, als diese Gesetzesmenge zu einer Sintflut anwuchs, 
die alles bisher bestehende an alten, liebgewordenen Einrichtungen weg 
zuschwemmen drohte. Bismarck hatte versprochen, es solle „alles erhalten 
bleiben, was Preußen irgend ertragen könne", und das Annexionspatent 
hatte ebenfalls die Schonung der berechtigten Eigentümlichkeiten aus 
drücklich zugesichert. Es schien aber, als ob Preußen sehr wenig „er 
tragen" könne, und die „berechtigten Eigentümlichkeiten" wurden bald 
in Deutschland zu einem geflügelten Worte des Spottes. Was konnte 
auch viel an althessischen Einrichtungen bestehen bleiben angesichts der 
Tatsache, daß in 6 1 / a Jahren, vom Juli 1866 bis Dezember 1872, 
nicht weniger als 2691 neue Gesetze und Verordnungen in Hessen er 
lassen wurden, und zwar zum größten Teile Gesetze, die nicht dem Lande 
angepaßt waren, sondern denen sich das Land anpassen sollte. Zur 
Ausführung dieser oft nur für altpreußisches Verständnis gearbeiteten 
Gesetze war natürlich auch die Berufung einer großen Anzahl alt 
preußischer Beamten nötig, die vor allem die höheren Stellen besetzten 
und nicht überall verstanden, sich beliebt zu machen. 
Im großen und ganzen nahm das eigentliche Volk die Neuerungen, 
die über das Land hereinbrachen, mit derselben stumpfen Gleichgültigkeit 
*) 3m Handumdrehen wurde z.'B. das Verkoppelungsgesetz fertig, um ein 
altes Desiderium der hessischen größeren Grundbesitzer, das bisher am Widerstand 
des Kurfürsten gescheitert war, zu erfüllen. Ein paar Berliner Geheimräte nahmen 
einfach eine ältere Genieinheitsleilungsordnung für die Rheinprovinz vom 3ahre 
1851 her, schoben ein paar neue Paragraphen hinein und präsentierten dann das 
Ganze als das von den Kurhessen gewünschte Berkoppelungsgesetz. „So wurde 
eines der tiefgreifendsten Gesetze von Männern, die der Verhältnisse des Landes 
ganz und gar unkundig waren, und ohne jedes zrlreichende Gehör des Landes zu 
stande gebracht und erlassen." Vgl. Bähr, Das frühere Kurhessen, S. 99 f., woselbst 
noch mancherlei über diese Periode nachzulesen sich empfiehlt.
	        

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