Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Provinz Hessen-Nassau und Regierungsbezirk Cassel 
politischen Gebilde der westfälischen Zeit gehabt haben würde, scheiterte 
nicht etwa an dem Widerspruch der neuen Untertanen — den scheute 
er nicht — sondern an dem Mangel an Zeit und an Arbeitskräften. Nur 
in der militärischen Organisation, die schneller arbeitete, zeigen sich noch 
Spuren des ursprünglichen Planes. Die Bildung des „Regierungsbezirks 
Cassel" erfolgte durch königliche Verordnung vom 22. Februar 1867. 
Erst später wurde er mit dem „Regierungsbezirk Wiesbaden" durch eine 
ebensolche Verordnung vom 7. Dezember 1868 zu einer „Provinz 
Hessen-Nassau" vereinigt. So blieb wenigstens der Name Hessen 
für das alte Kattenland erhalten, allerdings in einer unglücklichen 
Verbindungsform, die in der Folgezeit sonderbare historische Begriffs 
verwirrungen in den Köpfen der nachwachsenden Generationen an 
richten sollte. 
Die neue Regierung ließ es nicht an Mühe und Eifer fehlen, um 
die Eingliederung der neuen Untertanen möglichst schnell zu bewerkstelligen, 
und ihnen dabei die bittere Pille der Annexion — als solche wurde sie 
doch von den weitaus meisten empfunden — nach Möglichkeit schmack 
haft zu machen. Am besten gelang ihr dies bei dem in vieler Hinsicht 
tonangebenden liberalen Bürgertum, das manchen Grund hatte, mit dem 
Umschwung der Verhältnisse zufrieden zu sein. Die Fesseln des Zunft 
zwanges fielen, die Konzessionspflicht für viele Gewerbe wurde auf 
gehoben, und im Verkehr, im wirtschaftlichen Leben und besonders in 
der bisher vielfach künstlich gehemmten Industrie zeigte sich bald ein 
bemerkenswerter Aufschwung. Die Bautätigkeit in den Städten konnte 
sich jetzt, ungehindert durch kurfürstliche Launen und Sonderlichkeiten, 
frei entwickeln. Die Hauptstadt fing an sich auszudehnen, ihre Be 
völkerungszahl wuchs zusehends, da die alten Erschwerungen des Zuzugs 
mit der Freizügigkeit fortfielen. Das platte Land hatte allerdings die 
Kosten dieses Fortschrittes zu tragen, indem seine Bevölkerung mehr 
und inehr zurückging. War auch in Cassel der kurfürstliche Hof ver 
schwunden, so blieb doch die Hoffnung auf eine Statthalterschaft, mit 
der der preußische Kronprinz schon im August 1866 sich Bismarck 
gegenüber einverstanden erklärt hatte. Der Kurfürst und die Casselaner 
hatten seit vielen Zähren miteinander auf dem Kriegsfuß gestanden; der 
die Spitze der neuen Regierung verkörpernde Herr v. Möller war 
im Gegensatz zu dem früheren Landesherrn die Liebenswürdigkeit und 
Bonhommie selber, und die Casselaner konnten es gar nicht abwarten, 
bis sie ihm und seinem militärischen Kollegen v. Werder noch im 
Annexionsjahr das Ehrenbürgerrecht verliehen hatten.
	        

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