Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Der Kurfürst in Stettin 
darin bestätigen ließ, daß er auch im juristischen Sinne wirklich „kriegs 
gefangen" sei. Es war freilich eine eigentümliche Kriegsgefangenschaft! 
denn der Freiheit blieb er noch beraubt, als bereits allerorten der 
Frieden wiederhergestellt war, währeitd malt' ihm, dem besitzlosen 
Souverän, dem angeblichen Kriegsfeinde, den Abschluß eines Friedeits 
beharrlich verweigerte. Seit dem 20. Juni war Friedrich Wilhelin ohne 
direkte Nachricht voit seinen Truppen. Es wäre wohl nicht unmöglich 
gewesen, solche zu ihm gelangen zu lassen, da der Kurfürst in seiner 
Gefangenschaft mehrfach Briese erhielt, die der Aufmerksamkeit seiner 
Wärter entgingen 1 ), wie auch die Geburtstagswünsche der einzelnen 
Regimenter und Korps ihre Adresse richtig erreichten. In der Umgebung 
Loßbergs war inan aber seit dem endgültigen Sieg Preußeits der sonder 
baren Ansicht, daß eine militärische Kommunikation des Generals mit 
dem Kurfürsten außerhalb der Genehmigung Preußeits sich nicht mehr 
mit dem völkerrechtlichen Brauche vereinigen lasse! Wenn es auch ur 
sprünglich die Absicht des Kurfürsten gewesen war, einen feindlichen 
Zusammenstoß seiner Truppeit mit den Preußen zu vermeiden, da er 
überhaupt den Kriegszustand zwischen Hesseit tmd Preußen nicht an 
erkennen wollte, so mußte doch die Nachricht von Loßbergs Abfall wie 
ein Donnerschlag auf den unglücklichen Fürsten wirken. Er konnte sich 
ja noch immer nicht mit dem Gedanken vertraut ntachen, daß Preußen 
das Recht seines Thrones antasten und wirklich zur Annexioit schreiten 
werde. Durch Alexander v. Baumbach, der anfangs August deit darm 
städtischen Minister v. Dalwigk gebeten hatte, bei seinen Verhandlungen 
mit Bismarck die kurhessischen Interessen mit zu vertreten?) erfuhr er 
zwar, daß jede Bemühung zur Rettung der Selbständigkeit des Landes 
aussichtslos sei, wollte es aber nicht glauben. An seinem Geburtstag, 
dem schmerzlichsten seines Lebens, entschloß er sich, seinen Flügel 
adjutanten v. Eschwege mit einem die Bitte um Abwendung der 
Annexion und um Friedensschluß enthaltenden Handschreiben an den 
König nach Berlin zu senden. Mit fieberhafter Spannung wurde die 
0 So bot z. B. am 7. Juli ein 83 jähriger Literat Knoevenagel aus Hannover 
dem Kurfürsten in geheimnisvoller Weife feine Hilfe an mit Berufung darauf, daß 
er selber auch vor 30 Jahren einmal als Staatsgefangener in Stettin gesessen habe. 
*) Die speziellen kurhessische» Interessen waren übrigens bei Dalwigk nicht 
sonderlich gut aufgehoben, insofern als Dalwigk, der bestimmt glaubte, daß der 
preußische Triumph nicht lange dauern werde, sich damals schon wieder mit den 
hochfliegenden Plänen eines Königreichs Gefanit-Heffen unter dem Szepter der 
jüngeren Linie trug, wie er seinem Großherzog am 27. August schrieb.
	        

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