Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Literarische Agitation für die Annexionen 
Siegesrausch und Länderhunger. Nur Sachsen und Hessen-Darmstadt 
wurden durch den Widerstand bzw. Einspruch Österreichs und Rußlands 
gerettet und verfielen lediglich der Zwangsangliederung des Norddeutschen 
Bundes, ben der badische Minister v. Roggenbach bissig den „Bund des 
Hundes mit seinen Flöhen" nannte. 
Während die diplomatischen Verhandlungen hinter geschlosseneil 
Türen stattfanden, und besonders in Paris am Quai d'Orsay und in 
den Tuilerien das Schicksal Deutschlands und seiner Einzelstaaten be 
stimmt wurde, setzte mit lautem Fanfarenton gleich nach Königgrätz die 
literarische Agitation in Zeitungen und Flugschriften ein, um die Nütz 
lichkeit, Notwendigkeit und Rechtlichkeit der Annexionen zu rechtfertigen 
und zu beweisen. Was die Nützlichkeit und Notwendigkeit für Preußen 
anlangte, so war das nicht schwer. Sagte doch schon ein Blick auf die 
Landkarte, daß „die häßlichen Keile, welche der Wiener Kongreß 1815 
zwischen die beiden preußischen Staatshülsten getrieben hatte", verschwin 
den müßteil, und „daß gerade da, wo Kurhessen liegt, der zugespitzte Leib 
Preußens ausgedehnt werden müßte, um eine zur Verteidigung dienende 
Rüstung tragen zu können". Und die sittliche Berechtigung zu dieser 
„Ausdehnung" folgerte mail einfach aus der Minderwertigkeit der in 
Betracht kommendeil Dynastien, die „reif, überreif für die verdiente Ver 
nichtung" seien. „Ihre Wiedereinsetzung wäre eine Versündigung an der 
Sittlichkeit der Nation." So erklärte der fanatische Wahlpreuße Hein 
rich v. Treitschke, der in einer flammenden Schmähschrift „die Zu 
kunft der norddeutschen Mittelstaaten" erörterte und unbekümmert um 
die öffentliche Lossage seines königstreuen Vaters alle „Teilnehmer an 
der großen Dynastenverschwörung gegen Preußen" zur Absetzung ver 
urteilte und seinen sächsischen Landsleuten das Herz stärkte, in Tagen, 
wie diesen, die Hochverratsparagraphen des Albertinischen Strafgesetz 
buches zu mißachten. Ein ailgeblicher „Enkel der nach Amerika Ver 
kauften" — diese Unglücklichen wurden in jenen Tageil sattsam be 
schworen — durchforschte in Berlin die Geschichte von „Kurhessen und 
seiner Dynastie" und faild in ihrem ganzen langen Verlauf, voll dem 
gefangenen ^Bigamisten von Halle an bis zu dem gefangenen letzten 
Tyrannen in Stettin, auch nicht einen einzigen nationalen Zug, der 
mit dem Ruhme und mit der Größe des deutschen Vaterlandes ver 
knüpft sei. 
Jetzt zeigten sich noch einmal die unglücklichen Folgeil der journa 
listischen Agitation der Verfassungskämpfer. Die seitdem aller Welt ge 
läufige Lehre von den trostlosen kurhessischen Zuständen lind der klir-
	        

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