Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Werders Aufruf an die Kurheffen 
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Feindes und vermehrten täglich die Zahl der Krieger, die von knapp 
7000 allmählich auf fast 10000 anwuchs. Das war die Antwort des 
hessischen Volkes auf die Aufforderung, die damals der preußische 
General v. Werder an die kurhessischen Offiziere und Soldaten richtete, 
um sie zum Bruche ihres Fahneneides zu verleiten. Diese Aufforderung, 
ein Seitenstück zu den damaligen preußischen Versuchen, die Böhmen 
und Ungarn unter Unterstützung ihrer „gerechten nationalen Wünsche" 
zum Abfall und Verrat am Hause Habsburg zu verlockenwar durch 
eine eigenhändige Kabinettsorder vom König Wilhelm selbst ver 
anlaßt. Schon am 30. Juni erschien zu diesem Zwecke ein preußischer 
Major im Auftrage des Königs als Parlamentär in Eilsachen, wurde 
aber von Loßberg zurückgewiesen. Ein paar Tage später verbreiteten 
die Preußen?) einen voni 4. Juli datierten gedruckten Aufruf des in 
zwischen zum Generalgouverneur von Kurhessen ernannten Generals 
v. Werder an die Offiziere und Soldaten der kurhessischen Armee, der 
die merkwürdige Behauptung aufstellte: da der Kurfürst „sein Land 
verlassen" habe, so seien die Kurheffen ohne Kriegsherrn! ihr Korps 
führer habe somit kein Recht, sie über die Grenzen des Vaterlandes 
hinauszuführen. Der Beschluß des „sog. Bundestages", sie in ein fremdes 
Armeekorps einzufügen, sei völlig rechtswidrig und unverbindlich. „Wenn 
Ihr ihm Folge leistet, so seid Ihr nicht mehr Soldaten, die dem Willen 
ihres Kriegsherrn gehorchen, gleichviel ob gern oder ungern, sondern Ihr 
seid Parteigänger, welche auf eigne Hand den Krieg als gesetzloses 
Handwerk treiben." Unter Appellation, nicht an das Ehrgefühl der Kur- 
heffen, „welches keinen Zweifel duldet", sondern an ihren „Rechtssinn" 
(wozu mußte dieser unglückliche, sprichwörtliche kurhessische Rechtssinn 
damals nicht alle dienen!) forderte Werder also die Hessen auf, friedlich 
in ihre Garnisonen zurückzukehren, wo die Soldaten freilich entwaffnet, 
den Offizieren aber die „Bollehre ihrer Waffen und der ganze Umfang 
ihrer bisherigen Gebühren und Kompetenzen" verbürgt werden sollten! 
Einen ähnlichen Aufruf hatte auf demselben Schauplatz 74 Fahre früher 
Custine an die Hessen erlassen. Damals antworteten die Hessen mit der 
') Schon anfangs Mai waren in Mainz unter den österreichischen Regimentern 
Proklamationen verbreitet worden, in denen die österreichischen Italiener aufgefordert 
wurden, nicht auf die Preußen, ihre Brüde'', zu schießen. 
s ) Die „unverantwortliche Behandlung", die der Überbringer des Werderschen 
Aufrufs seitens der Bewohner von Salmünster erfuhr, gab nach der „Casseler Zeitung" 
Veranlassung, daß die Stadt später von den Preußen zu „bedeutenden Straf 
lieferungen" verurteilt wurde.
	        

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