Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Loßbergs Resistenz Die Kurhessen in Mainz 
schweigen vor dem einzigen Gedanken der Befreiung des Landes uild 
Landesherrn. Loßberg aber erwiderte die herzliche Ansprache des Prinzen, 
dessen bundesrechtlichen Oberbefehl er allerdings nicht laut anzuzweifeln 
ivagte, mit einem wortreichen Protest, indem er sich darauf berief, daß 
seine Truppen noch nicht schlagfertig genug seien, um dem Feinde ent- 
gegengeführt zu werden. Dieser Einwand war gewiß nicht ohne Be 
rechtigung, aber Loßberg hätte daran denken sollen, in welch „schlag 
fertigein" Zustand die Väter seiner Soldateit Anno 14 gegen die Franzosen 
gezogen waren. Unter seinen Argumenten war aber auch das, daß er 
behauptete, der Kurfürst werde es sehr übelnehmen, wenn etwa der 
Thronfolger Prinz Friedrich Wilhelm an der Spitze siegreicher 
hessischer Truppen in seine Hauptstadt einzöge! Er hielt es also gar 
nicht für so ganz ausgeschlossen, daß die so wenig schlagfertigen Truppen 
das Land befreien könnten. 
Bei den verfahrenen Bundeskriegsverhältnissen war gegen die passive 
Resistenz des kurhessischen Generals nichts zu machen, und Prinz 
Alexander, um nicht seine Ansprache an die Kurhessen ganz zurück 
nehmen zu müssen, erreichte nur, daß wenigstens das auf zwei kriegs 
starke Schwadronen gebrachte 2. (Casseler) Husarenregiment der Division 
Reipperg des 8. Bundeskorps beigegeben wurde, um als Repräsentant 
der Kurhessen im Felde zu stehen. Diesem einzigen Regiment allein war 
es denn auch vergönnt, 14 Tage später bei Aschaffenburg für Fürst und 
Vaterland zu kämpfen und zu bluten. Das Gros der kurhessischen Ar 
mee aber erhielt die Weisung, vorläufig nach Mainz abzurücken, um 
daselbst möglichst bald seine kriegsmäßige Ausrüstung zu bewirken. 
Am 29. Juni traf Loßberg in der alten Festung ein, vor deren 
Mauern im 18. Fahrhundert so mancher Tropfen hessischen Blutes 
geflossen, und in den nächsten Tagen folgten die einzelnen Regimenter. 
Auch der Thronfolger Prinz Friedrich Wilhelm fand sich in Mainz 
ein, spielte aber naturgemäß angesichts der Stellung, die der auf die 
Empfindungen des Kurfürsten so rücksichtsvolle Loßberg gegen ihn ein 
nahm, eine unglückliche, ganz passive Rolle. 
Und nun begann das elende Ende der kurhessischen Armee, ihre 
sog. Mobilisierung. Unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen sollte 
sie vor sich gehen. Die ganze Armee außer Landes in einer fremden 
Festung eingeschlossen, das Land selbst vom Feinde besetzt, und der oberste 
Kriegsherr als Gefangener in dessen Händen. Und doch kamen die 
waffenpflichtigen Söhne des Hessenlandes scharenweise herbeigeströmt zu 
den alten Fahnen. Von weit her schlichen sie sich durch die Reihen des
	        

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