Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Beginn der hellere» Tage 
Wunsch schriftlich gegebene Aussicht auf die Reise nach einer preußischen 
Festung bald gebrochen. Beyer erteilte ferner die bestimmte Zusicherung, 
daß nicht nur die Verfassung aufrecht erhalten werden solle, sondern 
daß sogar — und das war besonders auf die Nechtskontinuitätsnarren 
berechnet — alle noch bestehenden provisorischen Gesetze und verfassungs 
widrigen Verordnungen „zur vollen Herstellung des verfassungsmäßigen 
Rechtszustandes" beseitigt, dagegen „die empfindlichen Lücken in der 
Gesetzgebung, welche den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes nur zu 
lange zurückgehalten haben", ausgefüllt werden sollten. Etwaige Sorgen 
über die Lasten des Kriegszustandes wurden durch das Versprechen 
beseitigt, daß zu ihrer Ausgleichung die Revenuen des Kurfürsten heran 
gezogen werden würden. Die Proklamation schloß mit dem hoffnungs 
vollen Ausblick auf „bessere Zustände und hellere Tage", die nunmehr 
zweifellos für das kurhessische Land und Volk beginnen würden. Das 
waren „Worte, die auch die Bedenklichsten beruhigen mußten" (Duncker), 
ja sie klangen sogar zum großen Teile wenigstens den Verfassungs 
fanatikern, die unter der liberalen Bürgerschaft die meisten Anhänger 
besaßen, recht verheißungsvoll; und als der mit den Invasionstruppen 
angekommene Wetzlarer Landrat v. Diest auf Wunsch der Henschelschen 
Firma ohne weiteres das alte Holländische Tor^) von preußischen 
Soldaten niederreißen und bald darauf die bisher nur gegen Trinkgeld 
zugänglichen kurfürstlichen Kunstsammlungen aller Welt öffnen ließ, da 
fühlten die Casseler Philister spürbar das Wehen der neuen Zeit und den 
kommenden Glanz der Hellern Tage. Einige Tage lang standen sie in 
hellen Haufen zusammen mit Schwälmer Butterleuten und preußischen 
Soldaten staunend vor den Meisterwerken Rembrands, bis der kunst- 
’) Herr v. Diest behauptet in den „Erinnerungen eines Glücklichen", dieses 
„geradezu häßliche Stadttor" habe eine so niedrige Öffnung gehabt, daß die Henschel 
schen Lokomotiven nicht hätten hindurch gebracht werden können. Er scheint es sich 
nicht genau angesehen zu haben, denn die Torpfeiler waren oben gar nicht ver 
bunden, konnten also gar nicht zu niedrig sein, wie denn auch die Henschelschen 
Lokomotiven bis dahin, wenn auch mit einiger Mühe, alle glücklich durchgebracht 
waren. Eine Erweiterung des Holländischen Tores war übrigens bereits 1861 von 
der Staatsbaubehörde mit Einwilligung des Kurfürsten geplant, damals aber von 
den städtischen Behörden als unzweckinäßig verworfen worden. Wenn das Tor mit 
seinem kleinen Wachthaus zur Rechten wirklich ein so häßliches Stadtbild abgab, 
so hat man dies Bild doch für wert gehalten, es im Jahre 1913 bei der Tausend 
jahresfeier zu rekonstruieren. Uber den Geschmack läßt sich eben nicht streiten, 
und so mußte damals auch das von den hessischen Löwen gekrönte Königstor der 
Fortschrittssucht und preußischen Spitzhacke zum Opfer fallen, weil es noch keine 
Denkmalschutzbewegung gab.
	        

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