Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Besetzung vo» Cassel 19. Juni 
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mittag des 19. Juni mit seiner Avantgarde in Cassel ein, gerade als 
eine hannoverische Husarenpatrouille, die von der Sandershäuser Höhe 
kam, bis zum Friedrichsplatz gelangte, um den vergeblichen Versuch 
zu machen, mit den hessischen Truppen Fühlung zu nehmen. Vom 
Kriegsminister benachrichtigt, daß die Preußen bereits in Cassel seien, 
gelang es den Hannoveranern, noch glücklich aus der Stadt zu 
entkommen, ehe die Preußen den Friedrichsplatz zu einem Feldlager 
machten. 
Es waren zum größten Teil Rheinländer, auch Brandenburger 
und Polen, die sich im allgemeinen gut benahmen, zum Teil auch aus 
ihrem Widerwillen gegen den Bruderkrieg und die Bismarcksche Politik 
keinen Hehl machten. Einige linksrheinische Reservisten sprachen ihren 
Quartiergebern gegenüber offen die Befürchtung aus: wenn wir wieder 
nach Hause kommen, sind wir französisch. Die Casseler Bürgerschaft 
verhielt sich ihnen gegenüber, von einigen enragierten Preußenfreunden 
abgesehen, wenn auch nicht feindlich, so doch keineswegs so entgegen 
kommend, wie die Preußen gehofft hatten. 
Die Preußen traten zunächst in der angenommenen Rolle der Be 
freier vom kurfürstlichen Joche und als Verfassungsretter auf. Zu diesem 
Zwecke veranstaltete General v. Beyer schon am Tage nach seiner An 
kunft eine richtige Verbrüderungsszene mit dein ständischen Ausschuß, 
indem er in Begleitung seiner Adjutanten im Ständehaus erschien und 
nach einer längern Ansprache dem Vorsitzenden „als Zeichen der herz 
lichen und brüderlichen Gesinnung, die mich und meine Truppen für 
das brave Volk der Kurhessen erfüllt", die Hand reichte. Als Nebel 
thau, der am Abend zuvor noch den Kurfürsten seiner Loyalität ver 
sichert hatte, die dargebotene Bruderhand wirklich ergriff, erklärte Beyer, 
daß er diesen Handschlag empfange „als Unterpfand des Vertrauens, 
welches mir Ihre loyalen Landsleute entgegenbringen". Am 21. erließ er 
eine Proklamation H an das kurhessische Volk mit der Behauptung, 
daß mit der vollzogenen Okkupation des Kurfürstentums (nur Teile 
von Ober- und Niederhessen waren bis dahin wirklich in preußischen 
Händen!) die Autorität des Kurfürsten suspendiert sei. Die Minister, 
„welche das feindselige Verhalten gegen Preußen angeraten (!)", wurden 
ihrer Funktionen enthoben, und der anfängliche, auch nicht sehr starke 
Widerstand der Ministerialreferenten Mittler, Ledderhose und 
Etienne gegen die Übernahme der Geschäfte durch die ihnen auf 
h Ihr Verfasser war Max Duncker.
	        

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