Volltext: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Stimmung des Kurfürsten. Hessen an einem Wendepunkt. 
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letzten entscheidenden Moment vor der Katastrophe zu verstehen. Mit 
bitterem Schmerz sah er die verzweifelte Lage des Reichs, das „von 
Preußen in der unverantwortlichsten Weise preisgegeben" war, von 
Preußen, „das nunmehro ganz französisch sein will" und durch die 
„Schwäche seines Monarchen" bewirkt hat, daß „Napoleon der Uni 
versalmonarchie immer näher konimt". „Welch ein Ende wird Preußen 
nehmen!" ruft er mehrmals aus, und „sein ganzer preußischer Verdruß 
wacht auf", wenn er die Ratgeber des Königs sieht, die an seiner un 
glücklichen Politik Schuld sind; aber freilich, „wo kein Haupt ist, 
mangeln die Glieder". Und zwischen dieses Preußen, dem er aus gutem 
Grunde mißtraute und das er dennoch liebte, und das verhaßte Frankreich 
sah er sein Land eingeklemmt in der kritischsten Periode seiner Regierung. 
Der Kurfürst verkannte nicht, daß Hessen damals an einem Wende 
punkt seiner Geschichte stand. Das Reich war in seiner Auflösung be 
griffen, seine einzelnen Glieder waren auf sich selbst angewiesen, die 
Kleineren konnten sich nur durch Anlehnung an die Größeren retten. 
Die mittleren Staaten, zu denen Hessen gehörte, hatten die größten 
Chancen, sich zu erweitern. Niemals war die Gelegenheit so günstig, 
alle Gebiete des hessischen Stammes wieder unter einer Herrschaft zu 
vereinigen und wenigstens eine Machtstellung zu gewinnen, wie sie einst 
Philipp der Großmütige besessen hatte. Benachbarte Reichsstände wie 
Waldeck, Wittgenstein, Solms, Leiningen, Wied und die Stadt Frank 
furt bettelten direkt, um Anerkennung ihrer Zugehörigkeit zu Kurhessen 
zu erhalten. Mehr als einmal schwebte der Plan eines „Königreichs 
der Katten" in der Luft. Es galt nur zuzugreifen, wie die süddeutschen 
Fürsten es taten, und alle nationalen Bedenken beiseite zu lassen. 
Damals schrieb ein „Freund des kurhessischen Staates und Verehrer 
des Kurfürsten" — es war wohl der österreichische Gesandte Freiherr 
v. Wessenberg —: „Die Lage des kurhessischen Staates ist allerdings 
gefahrvoll, allein er muß alles aufbieten, um mit neuer Macht und neuem 
Ansehen daraus hervorzugehen. Dieser Staat muß einen höheren Schwung 
jetzt nehmen oder tiefer sinken; seine dermalige Existenz ist keiner Fort 
dauer mehr fähig. Es gibt im Laufe der Zeiten Momente, wo man 
dein Schicksale entgegengehen inuß, um demselben nicht zu. unterliegen; 
wo man sich von der Vergangenheit und Gegenwart trennen muß, um 
sich der Zukunft zu versichern." 
Wie ungewiß und gefahrvoll die Situation für Hessen war, zeigte 
schon allein die Stellung der französischen Armeen unter Augereau und 
Lefebre, die seit dem Preßburgcr Frieden in drohender Nachbarschaft
	        

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