Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Abmarsch der Casseler Garnison 16. Juni 
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Der Kriegsminister v. Meyerfeld hatte, verärgert über die Ablehnung 
seiner Vorschläge und über die Anzweiflung seiner Offiziersehre, noch 
in der Nacht vom 15. auf den 16. seine Entlassung erbeten *) und ließ 
sich erst im Laufe des Tages von diesem, unter den gegenwärtigen Um 
ständen pflichtwidrigen Schritte abbringen, der die Ausführung der Orders 
verzögerte und erschwerte. Auch war man sich über die einzuschlagende 
Marschroute nicht einig, bis auf den Rat des mit der Führung der 
Casseler Truppen betrauten Generals v. Schenk zu Schweinsberg 
der Weg über Hersfeld und Fulda gewählt wurde. Nachmittags um 
fünf Uhr ging der erste Eisenbahntransport nach Hersfeld ab. Die 
übrigen Truppen folgten am Abend und in der Nacht, zuletzt in der 
Frühe des 17. die Jäger und Schützen, die bis dahin das Tannen 
wäldchen besetzt und den Bahnhof bewacht hatten. Mit dem letzten Zuge 
fuhr auch der Thronfolger, aber als Generalleutnant z. Dy denn noch 
in der Nacht war eine neue, überraschende Order des Kurfürsten heraus 
gekommen, durch die Prinz Friedrich Wilhelm seiner kurzen 
Führerschaft über die Armee wieder entkleidet wurde. Uber die Gründe 
zu diesem aufsehenerregenden Entschluß gingen die verschiedensten Ge 
rüchte, ohne daß man genau erfuhr, was eigentlich passiert war. Jeden 
falls hatte es den im Punkte der Etikette so strengen Kurfürsten sehr 
verdrossen, daß der Prinz, der bereits am frühen Morgen seine Er 
nennung zum Oberbefehlshaber erhielt, bis zum Abend sich als solcher 
noch nicht bei ihm gemeldet hatte, um nähere Instruktionen zu emp 
fangen. Das hatte die militärischen Anordnungen verzögert, da alle 
Befehle des Kurfiirsten den Prinzen erst auf dem Umweg über den 
General v. Schenk erreichten. Mit Unbehagen bemerkte ferner der Kur 
fürst, daß der Prinz nach seiner Ansicht sich zu viel um nichtmilitärische 
Dinge kümmerte. Gleich bei seiner Ankunft hatte er zu Abee die sehr 
vernünftige Absicht geäußert, den Haus- und Staatsschatz nach Rumpen- 
heim in Sicherheit zu bringen. Seine Bemühungen scheiterten aber an 
dem Widerstand des landständischen Uberwachungsausschusses, insbeson 
dere der Herren Nebelthau und W. v. Schenk, und unbegreiflicher 
weise unterblieb die einfache militärische Besitzergreifung und Fortführung 
') „Da die Entschließungen Ew. König!. Hoheit so durchaus gegen die Über 
zeugungen sind, die ich befürwortet habe," hieß es in dem nachts 'M Uhr da 
tiertem Abschiedsgesuch, worin Meyerfeld die Bitte aussprach, dem Kurfürsten „als 
einfacher Soldat weiter mit Leib und Leben dienen zu dürfen". Der Kriegsminister 
war übrigens der einzige hessische General, der nach der Annexion in aktiven preußi 
schen Dienst übertrat.
	        

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