Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Der Kurfürst und Preußen 
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schleswig-holsteinischen Frage in der letzten Zeit stark beeinträchtigt 
worden war. 
Bei dem Kurfürsten war es eher umgekehrt. Sohn einer preu 
ßischen Mutter, in Preußen aufgewachsen und von einem preußischen 
Offizier erzogen, war er nach der ganzen Tradition seines Hauses von 
jeher ein Anhänger Preußens gewesen, und wenn mancherlei bittere 
Erfahrungen seiner Regierungszeit auch gewiß nicht dazu angetan waren, 
seine preußischen Sympathien zu verstärken, so kehrte er doch immer 
wieder zu seiner alten Vorliebe für preußisches Wesen zurück, die sich 
in den geringsten Kleinigkeiten offenbarte. Und als nach der Feldjäger 
krisis die diplomatischen Beziehungen zwischen Cassel und Berlin wieder 
hergestellt waren, da kostete es die preußischen Gesandten Arnim, 
Prinz Reuß und Röder keine allzugroße Mühe, Kurhessens aus 
wärtige Politik allmählich wieder ins preußische Fahrwasser zu bringen, 
was sich am stärksten in der schleswig-holsteinischen Frage zeigte. Am 
22. Juli 1864 überbrachte Prinz Reuß im Auftrage seines Königs dem 
Kurfürsten die Kette des Schwarzen Adlerordens, eine höfische Aus 
zeichnung, die nur als Anerkennung für die politische Haltung des 
Kurfürsten in dieser Zeit aufgefaßt werden konnte. Zn dieser Haltung 
konnte selbst die Persönlichkeit Bismarcks, dem zu grollen der Kur 
fürst mehr als einen Grund hatte, ihn nicht irre machen, um so mehr 
als die Art und Weise, wie Bismarck mit der preußischen Volksver- 
tretung umsprang, ihm entschieden imponierte.') Der Kurfürst mochte 
wohl gar zuweilen seinen Detter beneiden um den eisernen Minister, 
der unbekümmert um die Ansichten des Jahrhunderts seinen Weg ging, 
mit unerschütterlicher Ruhe das Berliner Abgeordnetenhaus wie eine 
qusntite negligcable behandelte und gegenüber dessen Angriffen nicht 
mit der Wimper zuckte, während die hessischen Epigonen Hassenpflugs 
alle Augenblicke zu Konzessionen bereit waren. Aus dieser gewiß nicht 
ungemischten Wertschätzung erklärt sich auch die am 1. Zuli 1865 er 
folgte Dekorierung Bismarcks mit dem Goldenen Löwenorden, die 
*) Am 14. Februar 1866 sprach Dalwigk den gerade in Darmstadt zu Besuch 
weilenden ehemaligen Märzminister Schenk zu Schweinsberg und hörte dessen An 
sichten über die Zustände in Kurhessen. Schenk nieinte: Der Kurfürst wünsche eine 
Volkserhebung, um dieselbe niederschlagen und dann die 1831er Verfassung los- 
werden zu können. Er hoffe auf den Grafen Bismarck I — Schenk war übrigens 
ein Vertraueiismann der Prinzessin Alice, die an der Spitze der preußischen Partei 
in Darmstadt stand und nach Königgrätz Dalwigks Entlassung und seine Ersetzung 
durch Schenk vom Großherzog verlangte. Ludwig III. gab Dalwigk den Brief seiner 
Nichte und ließ ihn selbst die ablehnende Antwort aufsetzen.
	        

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