Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Kritik der Verfassungskämpfe 
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wenige Monate nad) den erbitterten Verfassungskämpfen das viel 
umstrittene Kleinod der Verfassung mit einem Schlage von fremder 
Hand vernichtet werden konnte, ohne daß von all denen, die Gut, 
Leben und Ehre dafür einzusetzen tausendmal gelobt hatten, kaum einer 
auch nur einen Finger zu rühren wagte? Wo doch vorher schon die 
wirkliche oder vermeintliche Verletzung eines einzigen Paragraphen einen 
Sturin entfesselte, dessen Wehen über die Grenzen des kleinen Landes 
zu spüren war! Man hat ftd) die Beantwortung dieser Fragen leidst 
gemacht, indem man die ganze Sdsuld an dem Hader auf den Starr 
sinn des Kurfürsten wälzte, der das Vernichtungsurteil des Vse victis 
in ganz besonders hartem Maße hat empfinden müssen. Aber der Starr 
sinn und der Eigensinn der Verfassungsmänner war wohl kaum geringer. 
Die im altererbten Souveränitätsdünkel wurzelnde Rechtsauffassting des 
Kurfürsten und der dogmatisdse Liberalismus seiner politisdsen Gegner- 
waren eben unüberbrückbare Gegensätze. Mit allen Mitteln wehrte sich 
der Kurfürst gegen die Übergriffe einer Partei, in deren Wesen er nur 
das Prinzip der Anordnung und Zersetzung erblickte und die nach seiner 
Meinung seine alten unbestreitbaren Rechte antastete. Aber auch die 
Stände fühlten sich staatsredstlich und politisd) in ihrem Redste, und da 
keiner den andern überzeugen konnte, da keiner der Klügere sein und 
nadsgeben wollte, so wurde aus dem Verfassungskampf ein chronisdser 
Monstreprozeß, ein ödes Paragraphengezänk, das die ruhige Entwicklung 
des Staatslebens hemmte und die besten Kräfte des Landes zwecklos 
aufrieb. Anzweifelhaft bestand die große Menge der sog. Verfassungs 
treuen, so weit sie nicht einfache Mitläufer waren, aus ehrlichen Rechts- 
idealisten, aber ihre journalistischen Wortführer, gewiß nicht ungereizi 
durch Dummheiten, Chikanen und Mißgriffe von der andern Seite, ver 
gifteten den sachlichen Streit und brachten nid)t nur ihren Fürsten, 
sondern auch Land und Volk in Mißkredit. Die Redensart von der kur 
hessischen Mißwirtschaft wurde so oft wiederholt, daß man sie sd)ließlich 
selber glaubte und sich nicht schämte, von den deutschen Nachbarn als 
Schmerzenskinder bedauert zu werden. Aus agitatorischer Übertreibung 
und Aufbauschung oft geringfügiger Kleinigkeiten entstand so eine syste 
matische Fälschung der öffentlichen Meinung, die ftd) bitter gerächt hat 
und deren Folgen bis auf den heutigen Tag noch nicht überwunden 
sind. War das schon schlimm, aber immerhin durd) die Auswüchse des 
politisdsen Parteikampfes noch erklärlich, so war das Schlimmste, An 
entschuldbare die Verbindung einzelner Parteiführer der Opposition mit 
dem Auslande, für die es schled)terdings keine Entschuldigung gibt.
	        

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