Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Ausgang der Iungermannschen Aktion 
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die Einzelheiten ihrer landesverräterischen Machenschaften nicht eingeweiht 
war, so war ihm doch ihr heimliches Bündnis mit der preußischen Re 
gierung, die ihn mehrmals um dieses Bündnisses willen gedemütigt hatte, 
kein Geheimnis. Daß Oetker in Berlin bei Herrn v. Bismarck gewesen 
war, pfiffen in Cassel die Spatzen auf dem Dache, und man konnte sich 
schon denken, warum,- mochte der Volkstribun auch noch so sehr mit 
faulen Witzen in der „Morgenzeitung" seinen Reisezweck bemänteln. Es 
war nur zu wahr, was Vilmar damals in der „Hessenzeitung" schrieb: 
„Seit 1850 hat Preußen nicht abgelassen, seine Annexionspolitik gegen 
uns spielen zu lassen, und wir kämpfen seitdem unausgesetzt mit Preußen 
um unser Dasein; und dieser Kampf, den wir nicht allein mit dem 
äußern Feind, sondern auch mit den Verbündeten des Feindes im eigenen 
Lager, mit den Verrätern zu führen haben, zehrt unsere besten Lebens 
kräfte in einem Grade auf, wie das die Revolution von 1848 bei weitem 
nicht vermocht hat." 
Der mit so großem Apparat unternommene Zungermannsche Ver 
schwörungsplan verlief nun völlig im Sande, da Weigel von Berlin 
und Jung ermann selbst von Frankfurt, wo er den preußischen Ge 
sandten v. Savigny sondiert hatte, die Nachricht mitbrachten, daß 
Preußen zur Zeit keine neue hessische Frage zu der schwebenden hol 
steinischen (in der es zudem auf die kurfürstliche Stimme mit ankam!) 
gebrauchen könne, und schließlich auch der Thronfolger mittelbar zu 
verstehen gegeben hatte, daß er zu der geplanten Felonie gegen den Chef 
seines Hauses nicht zu haben sei. Die Arbeiten des Wohlfahrtsausschusses 
verdichteten sich also nur zu einer schon viel zahmer gewordenen Adresse 
an den Kurfürsten, einem „Generallamento, zusammengeschüttet aus 
den spezifizierten Anfragen, Anträgen, Rügen usw. der Volkskammer, 
einigen Hauptingredienzien des Stockungsantrags und mit etwas schul-, 
volks- und landwirtschaftlichem Lau 6e Cologne destilliert", wie die 
„Hessenzeitung" boshaft das unter der Bismarckschen Kritik zusammen 
geschrumpfte Werk kennzeichnete. Bon der „Krankheit" des Regierungs 
trägers war keine Rede mehr. Der Kurfürst, von dem Treiben hinter 
den Kulissen wohl unterrichtet, lehnte eine Deputation zur Überreichung 
der Adresse ab, und antwortete mit einer von sämtlichen Ministern unter 
zeichneten geharnischten Zurechtweisung auf den außergewöhnlichen Schritt 
der Ständeversammlung, die sogar „Regierungsperioden Unserer in Gott 
ruhenden Vorfahren in den Bereich ihrer Kritik gezogen" und überhaupt 
die Rücksicht, welche die Landesvertretung seiner Regierung schuldig sei, 
verletzt habe. Nicht die Regierung, sondern die Landesvertretung sei 
Losch, Geschichte des Kurfürstentum» Hessen. 84
	        

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