Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Iungermanns Stockungsantrag 1864 
geärgert und erfreute sich demgemäß wieder einmal der allgemeinen Un 
popularität in den tonangebenden Kreisen. Die Klagen über ihn wegen 
Nichterfüllung der Zusagen vom Juni 1862 waren nicht unberechtigt,- 
denn in der Tat sträubte sich der Kurfürst mit Händen und Füßen 
gegen die Ausnutzung des ihm erpreßten Iunipatentes, und die zahl 
losen sich überstürzenden Anträge und Forderungen auf diesem Gebiet 
reizten noch seinen Widerspruch, zumal er selber nach seinem übereilten 
Zugeständnis des Wahlgesetzes von 1849 in der Wahlrechtsfrage sich 
überrumpelt und übervorteilt sah. Diese prinzipiell ablehnende Haltung, 
verbunden mit der angeborenen Unentschlossenheit und Kleinigkeitskrämerei 
Friedrich Wilhelms, konnte allerdings das Tempo der hessischen Staats 
maschine nicht beschleunigen und gab Anlaß zu mancherlei Beschwerden 
über Stockung der Staatsgeschäfte. Zur Beseitigung des Übels bildete 
sich eine direkte Verschwörung gegen den Landesherrn, als deren Or 
ganisator sich diesmal (Friedrich Oetker war krank) der Abgeordnete 
Zungermann auswarf. Dieses neue Mitglied der Kammer hatte sich 
die Qualifikation zum oppositionellen Landstand als Redakteur des 
„Frankfurter Journals" erworben und rühmte sich, dies Blatt zu einer 
Sammelstelle pikanter Notizen gemacht zu haben, aus dem die deutsche 
Zeitungswelt über Kurhessen bedient wurde. Iungermanns Plan ging 
nun einfach dahin, durch ein kurfürstliches Sündenregister den Nach 
weis zu erbringen, daß Friedrich Wilhelm geisteskrank sei und durch 
den Thronfolger ersetzt werden müsse. Kurz nach Wiedereröffnung der 
Kammer stellte Zungermann also am 21. Oktober den Antrag, „die 
hohe Ständeversammlung wolle mit Rücksicht auf die unleugbar vor 
handene Stockung in Gesetzgebung und Verwaltung den Verfassungs 
ausschuß beauftragen, die Ursachen dieser Stockung festzustellen und über 
die Beseitigung derselben baldtunlichst geeignete Vorschläge zu machen". 
Zur Begründung verlas er am 27. Oktober eine Zusammenstellung 
haften Widerspruch, wie denn überhaupt die ganze Angelegenheit namentlich von 
Wachenfelds temperamentvollem Anwalt Henkel weidlich ausgeschlachtet und zu einer 
cause cßlfebre gestempelt wurde. Der bibelkundige Abgeordnete Falckenheiner er 
innerte in der Ständekammer an die Geschichte von Raboths Weinberg und ver 
glich die Handlungsweise des Kurfürsten mit dem doch etwas rigoroseren Ex 
propriationsverfahren der Königin Iesebel. Auch der „Kladderadatsch" bemächtigte 
sich der Angelegenheit, ohne daß das den Kurfürsten sonderlich berührte, dem der 
Polizeidircktor Bernstein regelmäßig die boshaftesten Ausfälle dieses (in Hessen 
verbotenen) Witzblattes vorzulegen pflegte. Da Rohde die Kabinettsfrage stellte, gab 
der Kurfürst schließlich doch nach, und die Casselaner erhielten im Frühjahr 1865 die 
recht überflüssige Reitbahn, während der Stadterweiterungspla» ins Wasser fiel.
	        

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