Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Der Thronfolger als Prätendent von Lauenburg 
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sämtlichen Rechte wieder aufgelebt seien und er Europa zur Unterstützung 
bei ihrer Geltendmachung anrufen werde. Unter Berücksichtigung der 
tatsächlichen Sachlage, da inzwischen Österreich und Preußen sich auf 
den Bundesstandpunkt stellten und die Bereinigung von Schleswig- 
Holstein unter dem Augustenburger Herzog forderten, beschränkte sich 
der Prinz in einer spätern Eingabe an die Bundesversammlung, datiert 
Nenndorf 22. Juli 1864, auf die Forderung der Anerkennung seines 
Erbrechts in Lauenburg, behielt sich aber auch seine Rechte auf die 
übrigen Länder der dänischen Krone vor. Er hatte aber kein Glück 
mit dieser Forderung, die durch eine Denkschrift des Heidelberger Rechts 
lehrers Zöpfl begründet und unterstützt wurde. Nach Wiederaufnahme 
der Feindseligkeiten vermochte der aus Hessen stammende dänische Ge 
neral Gerlach l ) die verlorene Sache seines Königs nicht mehr zu retten. 
Fm Wiener Frieden vom 30. Oktober 1864 trat Christian IX. die Her 
zogtümer an die siegreichen Großmächte zu freier Verfügung ab, und 
in der Gasteiner Konvention erwarb dann Preußen durch die Annexion 
Lauenburgs den ersten Teil der großen Beute, die ihm die Politik 
Bismarcks einbrachte. Die Ansprüche des hessischen Prinzen wurden 
ebenso ignoriert, wie die des Augustenburger Prätendenten, gegen den 
nun die Federn der preußischen Kronjuristen mobil gemacht wurden, 
nachdem man ihn eine Zeitlang als politische Puppe gebraucht hatte. 
Die einzelnen Phasen der schleswig-holsteinischen Angelegenheit 
wurden in ganz Deutschland mit brennendem Interesse und leidenschaft 
licher Erregung verfolgt. In Hessen schien man zeitweise das eigene 
Land und seine vielen Desiderien darüber ganz vergessen zu haben. 
Ging doch die Begeisterung für die „heilige" Sache so weit, daß die 
selben Leute, die sonst alle Augenblicke den Dolch der Steuerverweige 
rung in Bereitschaft hielten, sich für die Anleihe Friedrichs VIII. be 
geisterten und dein Prätendenten ohne weiteres 1 / 4 Million Taler ohne 
Zinsen aus Staatsmitteln bewilligen wollten. In zahlreichen Tagungen 
und Volksversammlungen erhitzten sich die Gemüter für das Recht der Her 
zogtümer, und die bei der allgemeinen Stimmung unbegreifliche Stellung 
nahme der Regierung fand herbe Kritik. Abees Versicherung seiner 
Sympathie für die Sache Schleswig-Holsteins war nicht imstande, die 
Aufregung zu beruhigen. Nur die „Hessenzeitung" vertrat diesmal die 
Politik der Großmächte, allerdings nur solange, als die Wege Preußens 
noch nicht klar auf die Annexion zielten. Dagegen schwenkte gerade 
*) Sein Vater war mit seinem berühmten hessischen Waffengefährten au» 
dem amerikanischen Kriege 3oh. Ewald zusammen in dänische Dienste getreten.
	        

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